Prof. Dr. Klaus F. Geiger


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Wer hat Angst vor der Parallelgesellschaft



Wer hat Angst vor der Parallelgesellschaft? - Beobachtungen zu Kassel



Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst der Parallelgesellschaft. Es begegnet uns in Debatten zur Integrationspolitik. Freilich hat es in Deutschland auf dem Felde der Integration bekanntlich mehr Debatten als Politik gegeben. Schließlich hat es Jahrzehnte der millionenfachen Zuwanderung gebraucht, bis 2007 ein Nationaler Integrationsplan beschlossen wurde. Hier geht die Rede so: "Die Zugewanderten schließen sich in Parallelgesellschaften ein und dies hat zwei verhehrende Folgen. Zum einen verweigert ihnen die Mehrheitsgesellschaft die Anerkennung. Zum anderen scheitern die Eingewanderten deshalb bei der strukturellen Eingliederung, auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt." Das Gespenst begegnet uns ferner in Debatten über die sogenannte innere Sicherheit, einem idealen Ort für die Geburt von Chimären. Hier verbindet sich das Schlagwort "Parallelgesellschaft" mit dem Bild des Islam als Hort des Terrorismus und der Verachtung der Menschenrechte. Die Parallelgesellschaft ist der dunkle Kontinent der Gefahr, mitten in unserer Gesellschaft und vom nationalen "Wir" unkontrollierbar, von einem "Wir", das immer wieder von "unseren ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern" bitter enttäuscht wird.

Ich spreche von einer Phantomdebatte. Wie oft bei dem Reden über "die Fremden" übersieht sie und vergisst sie Tatsachen, die offensichtlich und allgemein bekannt sind. Hierzu fünf Stichworte:

1. Die moderne Stadt definiert sich schon immer als Ineinander von zentraler Verwaltung, welche Bürger und Bürgerinnen als Individuen anspricht, und sich teilweise überlappenden Parallelgesellschaften.

2. Seit der Chicago School ist Gemeinplatz, dass interne dichte Vernetzungen und der Aufbau eigener Institutionen bei Zuwanderungsgruppen eine wichtige Stufe in einem langfristigen Integrationsprozess darstellen. Und umgekehrt: Wo diese dichten Vernetzungen nicht vorhanden sind, hat dies für Zugewanderte wie für Einheimische eher negative Auswirkungen.

3. Wir leben im Zeitalter der transnationalen Migration. Das will heißen: Die Menschen verlassen nicht mehr ein für alle Mal ein Herkunftsland und ziehen in ein neues Land, in dessen Strukturen sie allmählich, schrittweise aufgehen. Die enger, schneller und billiger gewordenen Verknüpfungsstrukturen der Welt erlauben es, dass Menschen in Bezügen zu zwei oder mehr Ländern leben, äußerlich und innerlich, ein Leben lang und Generationen übergreifend. Die Rede von Parallelgesellschaften als bedrohliche Fehlentwicklungen hat nur Sinn in der Vorstellung national abgeschlossener Gesellschaften. Sie übersieht, dass es diese Gesellschaften so nie gegeben hat und heute erst recht nicht mehr gibt. (Kleine Fußnote zur Klage über Parallelgesellschaften als Horte des gesellschaftlich Bösen: Haben die Debattenredner denn ganz vergessen, was im Bundesvertriebenengesetz stand? Die Gewährung voller Bürgerrechte an deutschstämmige Zuwanderer war davon abhängig, dass diese beweisen können, dass sie sich - Jahrhunderte nach der Auswanderung ihrer Vorfahren - zum deutschen Volkstum bekannt haben.)

4. Was als Parallelgesellschaft beschrieben wird, die starke innere Vernetzung von Einwanderungsgruppen und die relative Abgrenzung von der sogenannten Mehrheitsbevölkerung, ist nicht nur Ergebnis des Handelns der Eingewanderten. Es ist auch Ergebnis von Akten der Einheimischen und der nationalen politischen Institutionen. Dauer und Grad der Abschottung Eingewanderter hängen auch davon ab, ob ihre Anwesenheit und ihre Lebensweise von den Einheimischen akzeptiert und respektiert werden; hängen auch davon ab, ob ihre Bedürfnisse in den Bereichen Orientierung, Bildung, Arbeit, Gesundheit, Kultur usw. von den politischen und gesellschaftlichen Institutionen befriedigt werden; sind auch Ergebnisse von Arbeits-, Wohnungs-, Bildungs-, Aufenthaltspolitik usw.

5. Nirgends ist eine totale Abtrennung der Eingewanderten von der Mehrheitsgesellschaft möglich. Immer fehlen ihren inneren Vernetzungen und Organisationsstrukturen zentrale Institutionen; immer sind sie als Individuen eingebunden in zentrales staatliches Handeln. Sogenannte Parallelgesellschaften haben immer eine durchlässige Grenze. Im Wortsinne gibt es sie nirgends.
Reden wir also lieber anglophil von "Communities" als Gruppen erhöhter innerer Vernetzung und eigener Institutionen. Berücksichtigen wir dabei allerdings, dass es sich nicht um nationale Einheiten handelt: Es gibt in unseren Städten z. B. mehrere türkische Communities, parallel nebeneinander und sich teilweise überlappend.
Vergewissern wir uns stichwortartig, was Communities ihren Mitgliedern bieten, welche Bedürfnisse sie erfüllen. Dabei brauchen wir nicht nur an die Nachkommen türkischer Arbeitsmigranten oder albanischer Flüchtlinge zu denken; der folgende Katalog gilt weitgehend auch für befreundete Gruppen von einheimischen Lehrerinnen und Sozialarbeitern. Enger vernetze ich mich mit Personen vergleichbarer Herkunft, Lebensläufe und Lebensweisen, weil ich mit ihnen leichter kommunizieren kann. Das meint nicht nur die Sprache und Sprechweise, sondern auch das Vorverständnis für die mir wichtigen Themen; ich muss diese und mich nicht dauernd neu erklären. Ich verbinde mich mit ihnen, weil ich bei ihnen eine höhere Bereitschaft zu solidarischem Handeln vermute und auch in Gefahrensituationen ihren Schutz. Die Community bietet - und das gilt insbesondere, aber nicht nur, für die erste Zeit nach der Einwanderung - lebensnotwendige Information und Orientierung. Sie vermittelt aber auch Arbeitsmöglichkeiten. Ihre Mitglieder erfahren eine Hochwertung der ihnen vertrauten Wertesysteme und eine Anerkennung gewohnter Alltagsroutinen. Sie bietet einen Ausgleich zu deren Nichtanerkennung in Teilen der Mehrheitsgesellschaft, stärkt das Selbstwertgefühl, stützt die kollektiven Anteile der individuellen Identitäten, d.h. befriedigt das Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit.

Ich möchte das Gesagte
am Beispiel der Stadt Kassel verdeutlichen. Die folgenden stichwortartig wiedergegebenen Beobachtungen beziehen sich insbesondere auf die türkischen Communities dieser Stadt. Wo finden sich eigene Institutionen?

1. Da sind erstens die Vereine. Anfangs gab es ein Nebeneinander von rivalisierenden politischen Vereinen, die sich als Fortsetzung von Vereinigungen in der Türkei und als Partner dortiger Organisationen verstanden. Daneben entstanden schon früh Organisationen der Selbsthilfe, Arbeitervereine, aber auch Vereine wie der Lehrer- und Elternverein, welche die Arbeit der Beratung und Orientierung der türkischstämmigen Bevölkerung zum Ziel hatten, also von Anfang an ihre Arbeit auf die Anforderungen des Lebens im Aufnahmeland Deutschland ausrichteten. All diese Vereine hatten auch den Charakter von Heimat- und Kulturvereinen; sie pflegten kulturelle Traditionen der Türkei, waren Orte der Geselligkeit, stillten das Heimweh. Für die zweite und dritte Generation der Zugewanderten entfallen einige der genannten Bedürfnisse. Deshalb und weil auch bei ihnen wie in der Gesamtgesellschaft die Individualisierung der Lebensweise zugenommen hat, zeigen sie weniger Interesse an den genannten Vereinen; d.h. diese leiden unter Nachwuchsproblemen. Die Vereine behalten aber im politischen Bereich als Basis der Rekrutierung von Kandidaten und Wählern für den Ausländerbeirat eine wichtige Rolle. Zwei Frauenvereine betreiben seit vielen Jahren Beratungsstellen und füllen damit teilweise eine Lücke, welche durch die Schließung von Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände aufgrund der Kürzung von Landes- und Bundesmitteln entstanden ist. Außerdem gibt es in Kassel einen Selbsthilfeverein für Rentner, welcher der Geselligkeit dient, Beratung durchführt und Bildungsangebote macht. Zu nennen sind noch Sportvereine, die seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle spielen für die Gestaltung von Freizeit und Festen, aber auch generell für die Jugendarbeit in der Stadt.

2. Zweitens und gesondert möchte ich die Moscheevereine und die von ihnen getragenen Moscheen nennen. Aus Gründen, die aufzuzählen ein eigenes Referat erforderte, hat ihre Zahl und haben ihre Aktivitäten - im Unterschied zu den säkular ausgerichteten Vereinen - zugenommen. Jedenfalls ist die wachsende Zahl der Moscheen wie auch der sie tragenden Vereine Ergebnis eines mehrstufigen Niederlassungsprozesses. Wer nur für wenige Jahre hier bleiben wollte - so die Lebensplanung der Arbeitsmigranten zu Beginn - baute keine eigenen Gebäude; er schickte das Geld in die Heimat und steckte es nicht in Projekte im Aufnahmeland. Als dann Ende der 60er Jahre die Arbeitsmigranten Familien gründeten, bekamen Religion und tradierte Werte einen höheren Stellenwert. Gebetsräume und Moscheen wurden eingerichtet. Allerdings genügten hierfür ausgediente Lagerräume u.ä. Denn wozu Gebäude errichten, die in dem fremden Deutschland stehen bleiben, wenn man - zugegebenermaßen später als geplant, aber eben doch - in die angestammte Heimat zurückkehrte? Heute ist klar, dass viele der zur Arbeit Eingewanderten, vor allem aber ihre Nachkommen, hier bleiben werden. Das Hier, Deutschland, muss daher heimatlichen Charakter annehmen; und hierzu dienen auch die neuen Moscheen, die als solche sichtbar und erkennbar sind. Kassel besitzt heute zehn Moscheen, getragen von Vereinen mit mehrheitlich türkischer, aber z.B. auch albanischer oder pakistanischer Mitgliedschaft. Diese Vereine streben in den letzten Jahren nach erhöhter Sichtbarkeit, nicht nur, aber auch durch repräsentative Bauten; und sie suchen den Kontakt zu der autochthonen Umwelt. Ihr Arbeitsfeld erschöpft sich nicht nur in religiösen Angeboten, es umfasst auch die Arbeit mit Jugendlichen, mit Älteren, Kranken und Sterbenden. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von religiösen Vereinigungen, die in der Bildungsarbeit tätig sind, aber auch in der Öffentlichkeit das "Bild des wahren Islam" verbreiten wollen. Was ich über die Moscheevereine gesagt habe, gilt in ähnlicher Weise für den Verein der Aleviten.

3. Die dritte Form der Community-eigenen Organisationen sind Einrichtungen der sogenannten ethnischen Ökonomie: Lebensmittelläden, Restaurants, Änderungsschneidereien, Kfz-Werkstätten, aber auch eine Beratungsstelle und ambulante Pflegedienste usw. Je nach Lage der Läden oder Werkstätten im Stadtgebiet werden sie hauptsächlich von Landsleuten besucht und bilden Knotenpunkte der Kommunikation oder haben eine multikolore Kundschaft.

4. Zu ergänzen ist diese Liste durch lokale Medien, die sich in türkischer Sprache an die hier wohnenden türkischstämmigen Einwohner wenden: ein Radioprogramm und zwei Magazine, die sich allein aus Werbeeinnahmen finanzieren. Das Radioprogramm und eines dieser Magazine spielen insofern eine wichtige Rolle, als sie u.a. über wesentliche politische und gesellschaftliche Vorgänge in der Stadt Kassel und im Lande Hessen informieren.

Innerhalb der Communities ist zu unterscheiden zwischen Personen, die diese eher nutzen, und solchen, die sie aktiv mitgestalten. Die Grundlage der Vernetzung bieten Verwandtschaftsbeziehungen, gemeinsame lokale Herkunft, gemeinsame politische oder religiöse Zugehörigkeit oder Klientelbeziehungen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dieses Muster der Kommunikation und Kooperation lässt sich zum Teil aus der Herkunftskultur erklären, mindestens ebenso aber aus der Minderheitensituation. An den Knotenpunkten der verschiedenen Netze finden sich besonders aktive Menschen, Einflusspersonen, die ein hohes Ansehen genießen. Oft sind sie - und das gilt für Kassel wie anderswo - in mehreren Bereichen aktiv. Außerdem sind sie - auch dies entspricht Ergebnissen der internationalen Forschung - nicht nur nach innen, in die ethnischen Communities hinein, sondern auch nach außen, zur Mehrheitsgesellschaft und ihren Institutionen hin, aktiv. Diese Aktivität "nach außen" ergibt sich zum einen aus der Tatsache, dass Mitglieder der Community sie mit der Erledigung von Aufgaben betrauen (und oft belasten); sie ergibt sich zum anderen daraus, dass diese Einflusspersonen einen starken Wunsch nach Anerkennung haben, nach Anerkennung ihrer Person wie auch ihrer Kultur und Lebensweise; und dieser Wunsch richtet sich auch an Mitglieder der Mehrheit.

Welche
Schlussfolgerungen ergeben sich aus der skizzierten Situation für eine demokratische Politik, auch für eine Stadtplanung, welche die Befriedigung der Bedürfnisse aller Gesellschaftsmitglieder im Blick hat? Eine solche Politik und Planung muss die Mitglieder der Einwanderungscommunities erstens als gleichberechtigte Individuen behandeln. Sie muss ihnen Bildung, Arbeit, Gesundheitsversorgung usw. zur Verfügung stellen. Sie muss diese Menschen zweitens als Mitglieder einer sozialen Schicht ansprechen, was in den meisten Fällen heißt, als Mitglieder der Unterschicht und unteren Mittelschicht. Wie für einheimische Mitglieder dieser Schichten geht es um eine Demokratisierung des Bildungssystems, um Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, um die Verbesserung von Wohnraum und Wohnumfeld in benachteiligten Stadtteilen.

Eine Politik und Planung, die auf Partizipation setzt, auf Mitreden und Mitgestalten, muss diese Menschen drittens aber auch als Mitglieder ihrer Communities sehen. D.h. sie muss ihre Kommunikationsformen, ihre Vernetzungen und Institutionen, auch ihre Medien, kennen und anerkennen. Sie muss Schlüsse aus der Tatsache ziehen, dass eine diffuse Ansprache auf Briefen oder Plakaten, dass ungerichtet gestreute Einladungen und Aufrufe keinen Erfolg haben; dass dieselben Aufrufe und Einladungen aber sehr wohl zum Erfolg führen, wenn Schlüsselpersonen der Communities sie sich zu eigen machen. Kulturpolitiker oder Stadtplaner müssen allerdings auch endlich einsehen, dass es für jede Einwanderungsnationalität nicht nur einen und immer denselben Klingelknopf gibt, will heißen: dass es nicht ausreicht, immer denselben türkischstämmigen Intellektuellen anzusprechen, will man z. B. alle türkischstämmigen Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt erreichen. Wollen Politik und Planung erfolgreich sein, so müssen sie die Vielfältigkeit der Communities kennen und in einem partizipativen Prozess nutzen. Sie müssen sich einklinken in Kommunikationsprozesse, die aus Ketten von Personen bestehen, die in einem Vertrauensverhältnis verbunden sind.

Zwei Beispiele, wo in Kassel dieser Weg bereits erfolgreich beschritten wird: Das Kulturamt der Stadt hat in einem Bericht zur kulturellen Vielfalt in Kassel die Lage zugewanderter Kulturschaffender und den Zugang von Einwanderungsminderheiten zu kulturellen Einrichtungen erfasst und Grundlagen für ein Konzept interkultureller Kulturarbeit der Stadt entworfen. Die mit dem Bericht befassten Personen haben aber gleichzeitig eine Liste sogenannter Brückenbauer erstellt; mit deren Hilfe sollen Projekte verwirklicht und so die Anerkennung der Minderheitenkulturen ebenso wie deren Einbezug in das offizielle kulturelle Leben der Stadt verbessert werden. Zweites Beispiel: Das Evangelische Forum Kassel hat in fünf Stadtteilen mit einem hohen Anteil von Zugewanderten zu Einwohnerversammlungen aufgerufen, um über den Stand der Integration vor Ort zu diskutieren und Forderungen an die Stadt zu formulieren. Dabei zeigte sich, dass die Beteiligung dort hoch war, wo die Einladung über Schlüsselpersonen der Communities und damit über die Institutionen liefen, in denen diese Personen verankert sind. Außerdem war eines der Ergebnisse der Versammlungen: In Stadtteilen mit hoher Verknüpfung der Initiativen und Vereine spielen immer auch türkischstämmige Vereine eine wichtige Rolle. Umgekehrt: Bei einer nur mäßig besuchten Veranstaltung, in der der geringe Zusammenhalt der Stadtteilbewohner und die fehlende Verknüpfung der Angebote beklagt wurde, meinte eine Teilnehmerin: Wir hätten es einfacher, wenn es hier auch eine Moschee gäbe.
Sie sehen: Parallelgesellschaften, pardon: Communities, und ihre Einrichtungen, können eine Chance für partizipatives politisches und planerisches Handeln darstellen.

[1] Vortrag auf
einem von Prof. Dr. Uwe Altrock und Dr.-Ing. Friedhelm Fischer geleiteten
Symposium des Fachbereichs Architektur-Stadtplanung-Landschaftsplanung der
UniversitÀt Kassel im Jahre 2009.


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