Prof. Dr. Klaus F. Geiger


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Türkiscstämmige Deutsche



Türkischstämmige Deutsche - Eine, zwei, keine Heimat(en)?


Was sehen Menschen mit Migrationshintergrund als ihre Heimat? Als ob man das so einfach beantworten könnte. Bitte, was bedeutet denn "Migrationshintergrund"? Warum hat jemand sein oder ihr Land verlassen und ist hier eingewandert? Und wie sah es in jenem Land aus, und wie hat dieses Land ihn oder sie aufgenommen? Dann soll ich mich auf "türkischstämmige" Menschen beschränken? Das nützt mir auch nichts. Denn wie weit muss ich den Stamm denn hinuntergehen, um in der Türkei zu landen, ein paar Jahre, eine Generation, zwei Generationen? Und selbst wenn ich mich auf Menschen derselben Einwanderungszeit beschränken würde: Vergessen wir doch nicht, dass Hinz anders ist als Kunz. Und da sollen alle Menschen gleiche Empfindungen haben, nur weil sie aus demselben Land stammen? Fragen wir doch mal einen einzigen Menschen. Eine Frau vielleicht, die vor etwa dreißig Jahren aus der Türkei hierher ausgewandert ist. Freiwillig oder unfreiwillig? Als Arbeitsmigrantin oder Ehefrau oder als Flüchtling? Mein Fragebogen besteht auf Einordnung in klare Kategorien. Da habe ich Pech gehabt. Ich muss alle Kästchen ankreuzen: Sie kam als Arbeitsmigrantin und als Ehefrau, und es gab genügend Gründe, ein Land zu fliehen, in dem bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten und ein militärischer Putsch bevorstand.
Du willst wissen, was ich als meine Heimat betrachte? Ich habe keine Heimat, ich bin im Osten der Türkei aufgewachsen, habe im Westen der Türkei studiert, und lebe jetzt etwa dreißig Jahre in diesem Land. Was sagst du, das Wort "Heimat" gebe es nur im Deutschen? Aber nein, wir sagen "memleket", das kann die ganze Türkei bedeuten oder die Region, aus der ich stamme, oder eben meine Geburtsstadt. Ja, "memleketim" ist ebenso emotional aufgeladen wie "meine Heimat". Und wenn ich an diese Gefühle denke, wenn ich also nicht kühl analysiere, ja, dann sage ich: Meine Heimat ist die Türkei. Oder noch genauer: Meine Heimat ist meine Geburtsstadt, dort im Osten. Da hat mir alles gefallen, die Menschen, die Natur, das Wetter, das Essen. Wir haben in einer Sackgasse gelebt, da waren all die vielen Kinder wie Brüder und Schwestern, jeder hat auf den anderen achtgegeben, jede hat der anderen geholfen. Und ich war zusammen mit meinen Eltern und Großeltern, und da gab es noch viele Tanten und Onkel und Cousinen und Cousins. Und wir waren erfolgreich in der Schule, unsere Lehrer unterstützten uns sehr.
Warum ich dann als Jugendliche dennoch aus dieser Stadt weg wollte, willst du wissen, ob sie mir doch zu eng vorgekommen sei? Aber nein, zum einen wollte ich mich entwickeln, ich wollte aus mir etwas machen. Und zum anderen gab es ganz konkrete Gründe, warum ich weg musste: In unserer kleine Stadt gab es keine Universität, wo ich studieren konnte. Aber ich wollte immer in meine Geburtsstadt zurückkehren. Mit vierzehn verkündete ich meinen Verwandten: Ich werde einmal studieren, und dann komme ich zurück, und dann werde ich Abgeordnete für unsere Stadt. Natürlich haben mich alle ausgelacht: Ich vergäße wohl, dass ich ein Mädchen bin. Übrigens wollte ich nicht nur bis zur nächsten Universitätsstadt, ich wollte, bevor ich als gut ausgebildete Frau meiner Heimatstadt und den dortigen Menschen nützlich sein könnte, etwas von der Welt sehen. Und der Ort, den ich mir für ein späteres Studium ausgedacht hatte, hieß - du wirst es nicht glauben - Kassel. Natürlich wusste ich nicht genau, wo diese Stadt liegt. Aber da war mein Vetter, der dort Maschinenbau studierte, und uns Gleichaltrigen in den Semesterferien vorschwärmte, wie ganz anders und aufregend und modern das Leben dort sei.
Tatsächlich habe ich dann, wie du weißt, im Westen der Türkei studiert und dann dort auch gearbeitet. Aber diese Stadt wurde nicht meine Heimat. Ich habe das damals sicher nicht so empfunden: Das Studium war neu, es gab die Kommilitonen und Kommilitoninnen, es gab die nächtelangen Diskussionen in politischen Clubs. Aber heute weiß ich: Wir fühlten uns dort einsam. Wir hatten einen Großteil unserer Familie zurückgelassen. Die neuen Nachbarn waren nicht unfreundlich, doch entstand nie dasselbe enge Verhältnis wie mit den Menschen, mit denen wir über viele Jahre zusammengelebt hatten. Besonders vermisste ich die Gleichaltrigen, mit denen ich Kindheit und Jugend geteilt hatte. Und dann musste ich nach Deutschland.
Ja, ich hatte hohe Erwartungen an das Land. Unsere Lehrer hatten uns immer von Europa vorgeschwärmt, von einer Welt, die modern ist und wo die Freiheit des Individuums mehr gilt als in der Türkei. Und es war für mich als junge Frau tatsächlich spannend, dieses befreiende Gefühl, mich als junge Frau in den Straßen bewegen zu können, ohne kontrollierende Blicke zu spüren. Ob ich Heimweh gespürt hätte, willst du wissen? Nein, dazu war ich viel zu neugierig. Ich wollte dieses neue Land kennen lernen. Es blieb mir schleierhaft, warum die anderen Frauen in unserem Wohnheim dauernd nach ihrer Mama weinten. Nein, ich wollte auch nicht in einen Heimatverein oder etwas ähnliches. Wenn ich nur unter Menschen aus der Türkei oder gar nur aus meiner Heimatregion hätte sein wollen, warum war ich dann hier, in Deutschland? Ich sei aber doch in einem türkischen politischen Verein Mitglied geworden, und das sei ein Widerspruch? Du verstehst das nicht, das hat keineswegs mit Sehnsucht nach der verlorenen Heimat zu tun. Ich fühlte mich, wir fühlten uns verantwortlich: Wir waren alle aus der Türkei gekommen und hatten Menschen zurück gelassen, die unter den dortigen politischen Zuständen litten. Vielleicht war die Ehefrau im Gefängnis oder ein Bruder. Die brauchten unsere Unterstützung. Ich habe ja auch an Aktionen für Menschen in Südamerika teilgenommen, und später bin ich in eine deutsche Partei eingetreten.
Ob ich nicht doch einmal Heimweh empfunden habe und wann und warum? Das war viel später, als mein Vater gestorben ist. Da fühlte ich plötzlich, dass ich etwas verloren hatte. Ich fühlte die Trennung von den Menschen, die ich liebte. Die Schwestern bekamen Kinder, und meinen Vater würde ich nie mehr sehen können, und irgendwann würde meine Mutter sterben. All diese Leben, an denen ich teilgenommen hatte und von denen ich sicher gewesen war, dass ich sie immer teilen würde - sie waren jetzt so weit weg.
Und seitdem fühle ich mich hin- und hergerissen. Natürlich, das brauchst du nicht extra zu fragen, natürlich fühle ich mich in Deutschland wohl. Ich lebe jetzt länger hier, als ich in der Türkei gelebt habe. Ich habe meinen Beruf hier, meinen Mann, einen Sohn, eine Schwiegertochter, viele liebe Freundinnen. Und wenn ich im Urlaub in der Türkei bin, dann habe ich auch Sehnsucht nach Deutschland: nach meiner Wohnung, nach meiner Straße und dem hübschen Platz in der Nähe, nach den Menschen dort. Nach der Ruhe. Nach einer Welt, in der Pläne nicht nur entworfen, sondern auch ausgeführt werden. Ja, ich habe zwei Heimaten. Das kommt sicher, weil ich als Erwachsene nach Deutschland gekommen bin. Bei unseren Kindern, die hier geboren und aufgewachsen sind, ist das anders. Die sagen alle: Meine Heimat ist hier, klar ist die Türkei schön, dort ist es wärmer, aber das ist für den Urlaub.
Am liebsten möchte ich einige Monate hier leben und dann einige Monate in der Türkei. Du willst es genau wissen? Du sagst, was wäre, wenn ich mich entscheiden müsste? Ja, dann ginge ich in die Türkei. Dann ginge ich in meine Geburtsstadt. Ich weiß, dass sich dort viel verändert hat. Du hast auch Recht, wenn du sagst, wie die Mehrheit dort würde ich nicht leben wollen. Aber es ist meine Stadt, und ich bin erfindungsreich, ich würde schon eine Aufgabe finden, die ich dort erfüllen könnte. Aber ich merke, meine Antwort tut mir weh. Ich würde dort Sehnsucht nach Deutschland haben.
Ich bin jetzt am Ende unseres Gesprächs doch etwas verwirrt. Einmal sagst du, du hast keine Heimat, dann sagst du, deine Heimat ist die Türkei, und jetzt hast du plötzlich zwei Heimaten. Was denn nun: null oder eins oder zwei? Ach, du redest von Mathematik. Wenn du denn eine Antwort willst: Ich habe, Menschen wie ich haben eine Heimat aufgegeben und jetzt haben wir zwei, eine primäre und eine sekundäre. Nun mach mal dein Kreuzchen auf deinem Fragebogen.



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