Prof. Dr. Klaus F. Geiger


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Interkultureller Austausch



Interkultureller Austausch oder: Die Stadt soll meine Stadt, meine Stadt soll unsere Stadt werden


Liebe Leserin, lieber Leser. Der folgende Text stellt eine Rede dar, d.h. er ist nicht nur fürs Auge, sondern auch fürs Ohr geschrieben. Warum lesen Sie ihn nicht laut vor? Variieren Sie dabei Tonlage und Tempo. Stellen Sie sich vor, Sie eröffnen die Ausstellung der Fotos, die Sie auf den folgenden Seiten bewundern können. Schlüpfen Sie also in meine Rolle – so wie ich selbst in meinem Text in die Rolle eines Anderen geschlüpft bin; eines Anderen übrigens, der sich im Lauf der Rede allmählich verändert. (Ach, was Sie für Ihre Aufgabe wissen müssten und, weil Sie möglicherweise mit der nordhessischen Metropole nicht vertraut sind, noch nicht wissen: Die KVG ist die Verkehrsgesellschaft, welche die örtlichen Straßenbahnen und Busse betreibt. Der Herkules stellt eine weit sichtbare Monumentalskulptur auf der Höhe des berühmten Wilhelmshöher Bergparks dar. Fulle ist die einheimische Bezeichnung für die Fulda. Und, ja, Kassel möchte im Jahre 2010 europäische Kulturhauptstadt werden.) Fangen wir also an:

Sehr geehrte Damen und Herren, die Kasseler Gruppe der iaf hat mich gebeten, bei der Eröffnung ihrer Ausstellung einige Worte zum Thema „interkultureller Austausch“ zu sagen. Dazu habe ich nämlich einiges veröffentlicht. Und deshalb wurde ich eingeladen. Und deshalb habe ich auch kurzfristig zugesagt. Sag’ einfach, so dachte ich mir, was du immer sagst. Es ist ja immer noch richtig. Doch dann, beim Formulieren, schweiften meine Gedanken ab. Und es entstand eine Rede, die den Titel trägt: Die Stadt soll meine Stadt, meine Stadt soll unsere Stadt werden. Dieser Text hat beträchtliche Nachteile für Sie als Zuhörende: Sie können nicht mehr gewiss sein, dass die Subjekte aller Sätze abwechselnd „multikulturelle Gesellschaft“ oder „interkulturelles Lernen“ heißen und dass der Rest der Wörter bloße Garnitur ist. Der Text setzt vielmehr voraus, dass Sie aufmerksam sind, dass sie genau wahrnehmen: ihn, den Text, mich, den Redner, sich selber und die Umstehenden. Und damit sind wir bei der ersten Station einer kurzen Reise über sechs Stationen. Auf dem Schild steht:

1. Normalität, wahrnehmen, fark etmek

Stellen Sie sich vor: Ich sitze in einer Bahn der KVG. Ich bin in dieser Stadt, in Kassel, geboren und aufgewachsen. Ich fahre zur Arbeit. Sehe ich aus dem Fenster? Warum sollte ich, bin ich etwa auf Urlaubsreise, bin ich in Venedig oder Rio de Janeiro? D.h. natürlich schaue ich immer wieder ’raus; ich will ja an der richtigen Stelle aussteigen. Aber jetzt sind wir erst am Rathaus. Nehme ich es wahr? Wahrnehmen, in seiner ganzen Wahrheit in mich aufnehmen: umbauter Raum, Stil, erbaut, zerstört und wieder aufgebaut dann und wann, Funktion in der kommunalen Verwaltung? Was sind denn das für Fragen, brauch’ ich das jetzt etwa? Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, ein vages Bild der Aufgangstreppe reicht mir. Es sagt mir: noch drei Haltestellen weiterfahren. Alles normal. Plötzlich allerdings gibt’s einen Ruck, die Bahn steht. Was soll das, das ist doch nicht normal. Ich schau’ ’raus, suche eine Erklärung, guck’ mir alles genau an. Was ist denn anders als sonst? Ach
Gott, eine Baustelle.

Ob ich mich im Wagen umgesehen, die Mitfahrenden angesehen habe? Natürlich nicht, sind ja doch immer die gleichen Gesichter. Schließlich reicht’s, wenn ich nachher bei der Arbeit wach bin. D.h. wenn ich mir’s recht überlege, genau seh’ ich mir die Leute morgens nie an, aber einiges bemerke ich schon. Schließlich will ich es bequem und ruhig haben. Da muss man schon auf einzelne Signale achten. Also da vorne ist einer, der hat eine Bierdose in der Hand, da setz’ ich mich lieber nicht hin. Auch nicht vor die drei unreifen Bürschchen, die sich hin- und herschubsen und in irgendeinem Kauderwelsch unterhalten. Vielleicht sind sie ja harmlos, aber man kann nie wissen; ehrlich gesagt, erwart’ ich eher, dass die auffällig werden. Die werden fast immer auffällig, ich find’ die nicht normal. Also darauf achte ich schon. Aber genau seh’ ich mir die auch nicht an, sind ja auch immer die Gleichen.

Denk’ ich viel über mich selbst nach? Eigentlich nicht, ich fühle mich heute ganz normal. Ob mich interessiert, wie ich auf die andern um mich herum wirke? Nun hören Sie mal, halten Sie mich für einen Psycho? Ich bin normal angezogen und sitze da und döse. D.h., wie gesagt, ich döse so halb. Ich achte auf Signale, die mir sagen, wo wir gerade sind, und ich merke, wenn irgend etwas Auffälliges passiert. Also die große Blonde vorhin hab ich schon gesehen, oder, wenn Sie so wollen, besonders einen Teil von ihr; andererseits gehör’ ich nicht zu denen, die dann immer hin glotzen, ich guck’ schnell wieder weg.

2. Station:Bedeutsame Orte, Vergangenheit in der Gegenwart

Also, was ich Ihnen da jetzt erzähle, so genau habe ich noch gar nie darüber nachgedacht. Ist ja auch kein Thema, Klaus Friedrich auf dem alltäglichen Weg zur Arbeit. Da fällt mir auf: Ich fühle mich nicht auf der ganzen Fahrt gleich. Es gibt auf der langen Strecke einen Punkt, da fühle ich mich irgendwie anders. Es ist ein eher unangenehmes Gefühl, ich kann es irgendwie nicht los werden. Das ist genau, wenn wir über die Kreuzung fahren, wo vor drei Jahren der Motorradfahrer gegen die Bahn geknallt ist; ich saß drin, ich höre heute noch das Geräusch. Aber lassen wir das Thema. Angenehmer ist, dass ich manchmal, wenn ich kurz ’rausschaue, ganz zufällig den Eingang zu dem Hof sehe, wo wir als Kinder immer Ball gespielt haben, das war eine schöne Zeit. Seltsam, dass ich zufällig immer wieder da aus dem Fenster schaue. Übrigens ist das eine Erinnerung, die ich mit andern teile: Peter, der damals über uns wohnte und den ich neulich getroffen habe, sagt, ihm gehe es ähnlich, wenn er an der Stelle vorbeikommt. Trotz allem hatten wir damals eine schöne gemeinsame Zeit.

3 .Station: Meine Stadt zeigen, Gastgeber sein


Am Wochenende kommt Besuch. Er will sehen, wo ich so wohne. Was soll ich ihm denn zeigen? Ich reflektiere über meinen Wohnort. Ich will meine Aufgabe gut machen, gut aussehen, aber auch die Stadt soll gut aussehen. Die Stadt, in der ich wohne, wird zu meiner Stadt. Sie wird zu meiner Stadt, indem ich über sie nachdenke. Sie wird zu meiner Stadt, indem ich sie und mich präsentiere, zunächst probehalber, im Planen. Aber was hat sie denn Besonderes? Das heißt: was hat sie, was andere Städte nicht haben? In mir spielt sich ein kleiner Städtewettkampf ab, und Sieger soll meine Stadt sein. Oder zumindest: sie soll keine schlechte Figur machen.

Dabei ist die Antwort ja klar. Jeder weiß, jedes Kind weiß, was meine Stadt vorzuzeigen hat, was ihre Besonderheiten sind. Das ist doch Konsens. Allerdings war ich selbst noch nie im Herkules drin. Ich finde immer, so was ist für Touristen. Und in das angeblich international renommierte Speiselokal bin ich auch noch nie gegangen; da käme ich mir deplatziert vor, ganz abgesehen von den Preisen. Andererseits: Ich muss meinem Gast etwas bieten. Soll ich ihm mein Büro zeigen oder meine Eckkneipe? Die sehen doch aus wie bei ihm zu Hause, das kennt er ja. Sie sehen, ich zerbreche mir nicht nur meinen Kopf, ich zerbreche mir gleichzeitig seinen Kopf. Dieser Besuch soll ja nicht nur mein Tag werden, es soll auch sein Tag werden. Ich überlege, was er erwarten könnte, und das möchte ich ihm dann auch bieten. Schließlich weiß er auch, was es in Kassel Besonderes gibt.

Sie sehen, ich nehme diesen Besuch sehr ernst. Ich bereite mich vor. Dabei merke ich, dass ich nicht nur nie den Herkules bestiegen habe, ich kenne auch seine Geschichte nicht. Was, wenn mein Freund mich danach fragt, dann reicht ja das Zeigen nicht; ich muss die Dinge auch erklären können. Irgendwie ist das eine Zumutung, dass der denkt, ich weiß das alles. Aber irgendwo hat er ja auch Recht damit: Ich zeige ihm ja meine Stadt. Ich präsentiere sie, ich erkläre sie. Sozusagen stellvertretend für die anderen Bewohnerinnen und Bewohner. Ich spreche für sie, ich bin ihr Repräsentant. Hier leben wir, du wirst sehen, uns geht es gut hier.

Andererseits, ist das nicht Null-acht-fuffzehn? Bin ich denn ein bezahlter Stadtführer? Klar, dass mein Gast zu sehen bekommt, worauf er quasi ein Anrecht hat. Aber da gibt es noch anderes, manches, was ich im Lauf der Jahre entdeckt habe, ich ganz persönlich, manches was gar nicht so ins Klischee von meiner Stadt passt, was mir aber wichtig ist. Ich finde, das soll er auch sehen.

4. Station: Ein Gast, der bleibt

Was ich Ihnen gerade beschrieben habe, ist natürlich die Ausnahme. So strenge ich mich nicht für jeden an. Aber diesem Gast fühle ich mich verpflichtet, wir mögen uns auch. Ähnlich angestrengt habe ich mich einmal für eine neue Kollegin, die von außerhalb gekommen ist. Auch da habe ich eine gewisse Verpflichtung gefühlt. Einerseits bin ich vom Chef dazu gebeten worden. Andererseits sagte ich mir: mit der musst du in Zukunft zusammen arbeiten, mit der musst du klar kommen. Da trete ich dann gerne in Vorleistung, wie man so sagt: Sie soll ein gutes Bild von mir haben. Und es stört ja nicht, wenn sie von Anfang an die Dinge mit meinen Augen sieht, sicher brauch’ ich ihre Unterstützung noch. Aber das klappt ja nur, wenn sie mich von Anfang an für kompetent hält. Und das heißt schließlich, machen wir uns nichts vor, wenn ich ihr nützlich bin. Ich biete ihr also das übliche Null-acht-fuffzehn. Aber ich zeig’ ihr eben auch, was sie in den nächsten Wochen wissen muss, wohin sie gehen muss, wo sie besser nicht hingeht. Noch einmal: für jede täte ich das nicht. Mich sozusagen in ihre Rolle versetzen, mir überlegen, was sie braucht. Dabei hat die konkrete Kollegin das gar nicht richtig anerkannt, sie hat auch noch gemeckert, später dann, weil ich sie nicht auf alles hingewiesen habe. Aber woher soll ich denn wissen, was alles für einen anderen wichtig ist. Wenn Sie’s philosophisch wollen: Klar bin ich in ihre Rolle geschlüpft, aber es war ja immer noch ich, der sich in ihrer Rolle gesehen hat.

5 Station: eine Stadt verlieren, eine Stadt gewinnen


Übrigens sind wir inzwischen Freunde geworden, meine Kollegin und ich. Neulich hat sie mir erzählt, wie das so war für sie, der Neuanfang in unserer Stadt.Zuerst, sagt sie, war sie noch gar nicht ganz da. Sie war immer noch beschäftigt mir dem, was in den Monaten zuvor geschehen ist, bei ihr dort, in ihrer Heimatstadt; die habe sie eigentlich geliebt, aber aus den Gründen, die ich inzwischen ja wisse, habe sie dort weg müssen. Dabei lebten all ihre Verwandten und ihre besten Freunde noch dort. Aber bald sei sie in der neuen Wirklichkeit angekommen; sie sei sozusagen mit der Nase auf ihre neue Umgebung gestoßen worden. So hat sie’s formuliert: gestoßen worden. Die Leute hier hätten sie alle so seltsam angeguckt. Zuerst hätte sie geglaubt, mit ihrer Kleidung sei etwas nicht in Ordnung, aber das sei nicht der Fall gewesen. In dieser Stadt sei tatsächlich vieles anders, und wenn sie etwas nicht gleich kapiert habe, hätten die andern sie ganz seltsam angeschaut. Statt ihr etwas zu erklären, hätten sie sie nur groß angeschaut. Bald sei ihr gewesen, als störe sie immer alle. Eigentlich sei sie ja ein temperamentvoller Mensch, das wisse ich doch, aber in dieser Zeit sei sie immer wie auf Zehenspitzen gegangen; sie sei sich selbst fremd geworden. Jedenfalls habe sie immer in einer gewissen Anspannung gelebt, habe viel mehr über sich selbst nachgedacht als früher.

Andererseits – ich finde, meine Kollegin ist auch widersprüchlich – andererseits seien ihr die Belehrungen auf die Nerven gegangen. Klar, sie komme von weit her, aber doch nicht vom Mond. Wenn etwas erklärt worden sei, dann quasi von Adam und Eva an, als ob sie noch nie eine Stadt von innen gesehen hätte. Anscheinend könnten sich die Leute hier einfach nicht vorstellen, dass es auch woanders auf der Welt Städte gebe, in denen es auch städtisch zugehe - und eben doch manches anders gemacht werde.

Vieles, wie gesagt, sei hier tatsächlich anders gewesen, çok farklý. Vom Bezahlen im Bus bis zum Umgang der Nachbarn untereinander im Haus. Sie habe vieles vermisst, was sie gewohnt gewesen sei. Aber manches habe sie auch von Anfang an als besser wahrgenommen, besser als das Bekannte. Das mit den positiven und negativen Überraschungen gelten nicht nur für Einzelheiten, sondern auch für die ganze Stadt. Da habe sie manchmal einen doppelten Verlust gespürt: den Verlust ihrer Heimatstadt, aber auch den Verlust von manchen positiven Erwartungen an diese neue Stadt. Denn natürlich habe sie auch Erwartungen gehabt, sie habe, bevor sie hier her kam, Berichte, sehr positive Berichte, über ihren künftigen Wohnort gehört gehabt. Und die seien teilweise an der Realität zerbrochen. Andererseits sei sie, was die Bewohner dieser Stadt angehe, oft auch positiv überrascht worden.

In der Zwischenzeit habe sich für sie manches geändert. Sie komme jetzt zurecht in dieser Stadt, ja, sie fühle sich jetzt hier zu Hause. Sie müsse manchmal über sich selbst lachen, wenn sie gegenüber Besuchern von „uns“ und „unserer Stadt“ rede. Da finde sie es mehr als unpassend, wenn andere sie fragten, wo sie „eigentlich“ zu Hause sei. Die fragten so, weil man ihr natürlich ansehe, dass sie „ursprünglich“ nicht von hier sei. Sie wolle sich ja auch nicht ganz ummodeln lassen. Sie sei auch schon wer gewesen, bevor sie hier her kam. Was die Leute nicht verstehen könnten, sei die Tatsache, dass man in zwei Städten zu Hause sein könne. In der einen, die man verloren habe, die man aber immer noch in sich trage, die man auch immer wieder besuche, über die man von Verwandten und aus dem Fernsehen erfahre - die aber auch nicht mehr das sei, was sie einmal war. Und in der anderen, der neuen, in der man jetzt lebe und arbeite. Und wo man ja mit den Ureinwohnern – sie sagt immer „Ureinwohner“ – immer mehr gemeinsam habe. Aber eben nicht alles.

Sie habe oft den Eindruck, sie sehe und verstehe vielleicht sogar mehr als diese. Denn wo die andern alles normal finden, woran sie sich ja auch weitgehend selbst gewöhnt habe, da sehe sie doch auch gleichzeitig, dass es nicht unbedingt so sein müsse, wie es ist. Sie wisse eben, dass andernorts ganz anderes normal sei, in ihrer ersten Heimatstadt zum Beispiel. Wenn die Ureinwohner jammerten, müsse sie oft denken: Wenn die wüssten, wie es wo anders aussieht. Und wenn sie etwas für ganz toll hielten, müsse sie innerlich lachen, weil gerade das bei ihr zu Hause alltäglich, Standard sei. An dieser Stelle hat sie doch tatsächlich wieder „bei mir zu Hause“ gesagt. Wenn ich das sage, d.h. zu ihr „bei dir zu Hause“ sage, fährt sie aus der Haut. Sie bleibt, wie gesagt, eben auch widersprüchlich. Vielleicht liegt das Problem aber auch bei mir: Ich werde ihr nicht immer gerecht.

6. Station, Endstation: „Wir“ und „ihr“ verschwimmen

Stellen Sie sich noch einmal vor: Ich sitze in der Straßenbahn. Aber dieses Mal fahre ich nicht zur Arbeit, es ist Feierabend, ich fahre zu unserem Fotoprojekt. Fotografiert habe ich schon immer gern. Ich habe auch schon eine Ausstellung gemacht, auch über unsere Stadt. Da habe ich natürlich nicht gezeigt, wovon ich vorhin gesprochen habe, den Null-acht-fuffzehn-Kanon. Ich wollte mich ja auf der Höhe der Zeit zeigen, als kulturelles Subjekt einer potentiellen Kulturhauptstadt sozusagen. Das heißt schon, dass ich auf Erwartungen eingehen musste, aber eben auf die Erwartung, dass echte Kunst Erwartungen zu enttäuschen hat. Und wenn mich jemand fragte, was denn das auf dem Foto sei, dann sagte ich: Das ist, was es ist. Und wenn er fragte: Warum hast du gerade das fotografiert, warum hast du gerade diesen Blickwinkel gewählt, dann sagte ich: Weil ich das so sehe.

In der Gruppe, wo ich jetzt bin, ist alles anders. Wir arbeiten gemeinsam an einer Ausstellung. Da kommt jeder mit anderen Bildern. Und dann fragen ihn die anderen, warum denn gerade das und warum denn gerade so. Und der muss erklären. Und meistens fängt er damit an, dass das eben so sei und dass man das so sehen müsse und dass das ganz essentiell sei, es auch so zu zeigen. Und es gibt immer jemand, der meint, das sei aber doch ganz subjektiv, und er persönlich sehe das ganz anders, und wenn man das so zeige, könnte das mancher missverstehen. Und das geht dann hin und her, und wir müssen’s uns gegenseitig erklären, was wir da und wie wir’s zeigen wollen. Und Sie können sicher sein, da geht’s bald nicht mehr um die Stadt, sondern um ganz persönliche Geschichten. Man kann’s auch ganz anders sagen: es geht plötzlich um mehrere Städte, die in dieser einen, uns gemeinsamen Stadt drin stecken.

Im Disput zerfallen wir immer wieder in zwei Parteien, die Ureinwohner und die Neuen, wie meine Kollegin sagen würde. Allerdings hindert uns eine Scheu, das auszusprechen, niemand will die Atmosphäre belasten; aber es macht halt doch einen Unterschied, ob beim Blick auf die Fulle meine Kindheitserinnerungen an die dortige Badeanstalt durchschimmern oder eben der Tajo oder der Büyük Menderes oder was auch immer. Und dann gibt’s da die Momente, wo wir alle gemeinsam sagen: Ja, genau so habe ich es auch immer empfunden, so wie du das jetzt ins Bild gesetzt hast. Auf diese Weise haben wir uns über das gemeinsame Tun als Personen kennen gelernt, wie wir über die Vielzahl der Bilder unsere Stadt kennen gelernt haben.

Ich habe eben „wir“ gesagt, weil unsere Treffen, unser Tun, unser Erklären und Erzählen und Zuhören aus „mir“ und „der“ und „dem“, aus „uns“ und „denen“ ein neues Uns gemacht hat. Dazu trägt natürlich auch das Vorhaben einer Ausstellung bei: Nicht ich zeige unsere Stadt, sondern wir zeigen unsere Stadt. Und wir zeigen sie denen, den Ausstellungsbesuchern, Ihnen zum Beispiel. Wir, die Gruppe, die sich neu zusammen gefunden hat, liefern uns den Blicken anderer aus. Wir zeigen uns durch unsere Produkte. Wir wollen wahrgenommen werden, anerkannt werden, erfreuen, erschrecken, zeigen, aufzeigen, hinweisen, voranweisen.

Bei der endgültigen Fixierung der Ausstellung setzt eine neue Kommunikationsrunde ein: wir erklären uns wechselseitig die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Auswahl der Bilder von unserer Stadt. Und wir versuchen, die Auswahl so zu treffen, dass in der Vielzahl der Bilder ein Zusammenhang aufscheint, ein Zusammenhang unserer Stadt, ein Zusammenhang unserer Sicht. Und mit welchem Ziel? Unsere Stadt neu zu zeigen, sie neu sehen zu lassen: das Reale als mehrdeutig und veränderbar, das Normale als möglich und verhandelbar erscheinen zu lassen. Wir hoffen auf einen Austausch. Wie wir uns im gemeinsamen Tun und in der Reflexion darüber ausgetauscht haben. Wer sich austauscht, ist nicht mehr derselbe, er ist ausgetauscht. Und aus „wir“ und „die“ werden neue „wir“ und „die“, und das Ganze kommt durcheinander und vielleicht in Bewegung.

Noch ein letztes: Ich bin nicht Mitglied der Fotogruppe, ich war bei ihren Sitzungen nie dabei. Ich bin nur in die Rolle eines Mitglieds geschlüpft. Ich muss mich entschuldigen, Sie wissen schon: Wer in die Rolle schlüpfte, bin immer noch Ich. Andererseits, weil ich also nicht drin, sondern draußen stehe, kann ich auch unbefangener sagen: Die iaf, die Initiative binationaler Partnerschaften, ist ein wichtiger Motor für den so notwendigen interkulturellen Austausch in unserer Gesellschaft und unserer Stadt. Das Projekt, das in dieser Ausstellung seinen Ausdruck findet, beweist es einmal wieder. Und jetzt wollen wir uns die Bilder ansehen.


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