Prof. Dr. Klaus F. Geiger


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Die Konstruktion "des Anderen"



Die Konstruktion "des Anderen" in den Medien


(München, 08.10.2007)

Ich bin gebeten worden, die Frage zu beantworten, wie die Medien den Anderen konstruieren. Ich werde das Thema etwas eingeschränkt behandeln, erstens, indem ich das Wort "Anderer" mit "eingewandertem Fremden" übersetze, zweitens, indem ich mich hauptsächlich auf Zeitungen beziehe, immer einmal wieder aber auch auf das Fernsehen. Dabei versuche ich die vorliegende Forschung zusammenzufassen, das heißt auch: viele der vorgetragenen Gedanken stammen nicht oder nicht nur von mir.

1. Alles Verbrecher
Sie lesen in Ihrer Zeitung: "Bäcker raubt Bank aus"; drei Seiten weiter steht "Ehedrama", und darunter finden Sie als ersten Satz: "Der 37-jährige Bäcker XY soll am vergangenen Dienstag" usw. usf. Wenn Ihnen dann am Folgetag noch die Schlagzeile "Bäcker vergewaltigt Jugendliche" begegnet, dann spätestens fragen Sie sich: Was ist denn mit den Bäckern los, sind die alle kriminell? Denn Sie verbinden die Berufsbezeichnung nicht nur mit dem Einzeltäter: Aha, der Täter, das Individuum XY, war also Bäcker! Sondern Sie stellen - bei einer Häufung entsprechender Charakterisierungen Krimineller durch den Beruf - auch eine Schlussfolgerung in Bezug auf die gesamte Berufsgruppe her. Die Bäcker werden ihnen insgesamt unheimlich. Das umso mehr, wenn bei Taten, die nicht von einem Bäcker verübt wurden, keine Berufsbezeichnung steht. Dann verdichtet sich Ihr Eindruck: Unser Problem, das sind die Bäcker. Vielleicht empfinden Sie auch ein Gefühl der Genugtuung darüber, die Genugtuung, Recht behalten zu haben in ihrem Verdacht gegen Bäcker. Voraussetzung: Sie haben schon früher schlimme Dinge über die Bäcker gehört, und in ihrer Familie gibt es keinen Bäcker.

Selbstverständlich ist eine solche Berichterstattung über kriminelle Bäcker fiktiv. Nicht fiktiv ist die Tatsache, dass Tageszeitungen bei nicht-deutschen Tatverdächtigen - genauer müsste ich sagen: bei nicht-ethnisch-deutschen Tatverdächtigen - häufig deren Ausländerstatus bzw. Nationalität benennen. In meiner Lokalzeitung fand ich einmal ein absurdes Beispiel für die Ungleichbehandlung deutscher und nicht-deutscher Tatverdächtiger. Da erfuhr ich, dass folgende Personen eines Mordes bezichtigt wurden: "der 18jährige Jugoslawe XY sowie eine 33jährige Frau und ein 3 Jahre jüngerer Mann". Mein fiktives Beispiel sollte auch auf die mögliche Wirkung dieser Etikettierung hinweisen: Die Bezeichnung einer verdächtigten Person als Ausländer, Türke, Asylant oder Aussiedler kann den Verdacht der Kriminalität gegen alle Ausländer, Türken, Asylanten oder Aussiedler richten - wenn dies bereits einer entsprechenden Voreinstellung des Lesers entspricht. Diese Voreinstellung aber kann wiederum aus der Medienberichterstattung gespeist sein. Womit wir beim nächsten Thema sind.

2. Was tun die denn so, die Fremden?

Seit über dreißig Jahren stellen sich Forscher in der Bundesrepublik die Frage: Welches Bild entwerfen die Medien von den Eingewanderten? Mit dem Mittel der Inhaltsanalyse untersuchen sie, in welchen inhaltlichen Kontexten Zeitungen, Zeitschriften oder das Fernsehen über Menschen berichten, die mit einem Etikett als Nicht-Deutsche kenntlich gemacht sind. Diese Untersuchungen haben übereinstimmend folgendes Ergebnis erbracht:

1. Nicht-Deutsche tauchen insbesondere in thematischen Kontexten auf, die den Charakter des Sensationellen oder Negativen haben. Insbesondere verknüpft sich die sog. Ausländerberichterstattung mit den Themen Kriminalität und Gewalt.

2. Bei der Frage, ob Nicht-Deutsche positiv oder negativ dargestellt werden, sind deutliche Unterschiede je nach ihrem Status festzustellen: Sportler oder Künstler etwa werden positiver dargestellt als Personen, die als Arbeitsmigranten, Flüchtlinge oder Aussiedler nach Deutschland gekommen sind oder als deren Kinder oder Enkel hier leben.

3. Es gibt in der Frage der positiven oder negativen Einfärbung auch Unterschiede je nach Nationalität: Türkischstämmige Menschen z. B. werden negativer dargestellt als Personen, die aus italienischstämmigen Familien stammen.
Gleichzeitig aber erscheinen gerade Gruppen, die negativ gezeichnet sind, überproportional häufig in den Medien. Sie werden damit zu den "eigentlich Fremden", zu den "wahren Ausländern". So kann dann jede Fernsehberichterstattung über Integrationsfragen mit einem Foto kopftuchtragender türkischstämmiger Frauen, kann jede Berichterstattung über Änderungen des Staatsbürgerrechts mit dem Bild eines türkischen Passes bebildert werden.
Über nicht-deutsche Einwohner dieser Republik wird also eher in negativen Kontexten und eher in negativer Einfärbung berichtet; dies gilt insbesondere für spezifische nationale und Statusgruppen. Diskriminieren unsere Medien also Nicht-Deutsche bewusst? Wir kommen auf die Frage zurück. Zunächst schildere ich Ihnen eine weitere Beobachtung.

3. Die im Dunkeln....
In Kassel laufen zurzeit mehrere Projekte, deren Ziel es ist, Eingewanderte als kulturelle Produzenten sichtbar zu machen. Gleichzeitig wollen sie Vernetzungen herstellen zwischen den verschiedenen Einwanderungsgruppen und zwischen diesen und der Bevölkerungsmehrheit. Trotz Einladungen zeigt sich die Lokalzeitung an diesen Projekten desinteressiert. Z. B. auch an einer Veranstaltung, wo sich deutsche Wanderfreunde, deutsch-russische Sängerinnen und Frauen aus einem türkischen Verein mit chinesischen Studenten und Studentinnen treffen, um gemeinsam das chinesische Neujahrsfest zu feiern. Hat in der Zeitung niemand erkannt, wie einmalig ein derartiges Zusammentreffen von Menschen ist, die vielleicht gelegentlich in der Straßenbahn nebeneinandersitzen, aber sich nicht als in Vereinen Engagierte und kulturell Tätige kennen lernen? Wahrscheinlich nicht. Hat die Lokalredaktion den Eindruck gehabt, so ein Bericht interessiere "unsere Leser" nicht? Wahrscheinlich ja.
Allerdings können wir hoffen. Vielleicht lässt sich ja der Chefredakteur überreden, über ein oder zwei Wochen eine Kampagne zu starten. Dann trägt eine Seite den farblich unterlegten Balken "Als Fremde in unserer Stadt" oder "Wie sie uns bereichern". Und darunter folgen dann neben den Worten von Oberbürgermeister, Fraktionsvorsitzenden und Ausländerbeiratsvorsitzenden Porträts von Personen mit Migrationshintergrund und eben auch Nachrichten aus kulturellen Projekten. Ein oder zwei Wochen lang. Gerade solche Kampagnen aber machen deutlich: Hier geht es um etwas Besonderes. Denn normal ist das nicht, dass diese Menschen und ihre kulturelle Produktion in der Zeitung erscheinen. Die präsentierten Personen werden durch den Rahmen der Berichterstattung ja auch nicht primär als Maler oder Sänger oder Vorsitzende eines Kulturvereins sichtbar, sondern als die Angehörigen einer Fremdgruppe. Tenor: Sie sind eine Bereicherung für "uns" (großgeschriebenes "uns"), nicht nur eine Bedrohung. Somit kann eine entsprechende Kampagne in einem Medium durchaus die Grenzziehung zwischen Normalbevölkerung und den Anderen, den Fremden, befestigen. Sie kann bei Medienmachern und -rezipienten ein gewisses Gefühl hinterlassen, das nicht dazu motiviert, diese Grenzen zu überschreiten: Ach Gott, schon wieder eine integrationspolitische Aktion. Das ist eigentlich nicht mein Ding, nicht, wenn ich Kulturredakteur bin, auch nicht, wenn ich Kulturliebhaber bin.

Halten wir zunächst fest: In der alltäglichen Berichterstattung - also außerhalb von Kampagnen - gibt es Themenbereiche, die unterschiedlich abgedeckt sind - je nachdem, ob es sich bei den handelnden Personen um Deutsche oder Nicht-Deutsche handelt. So kann ich mich in meiner Lokalzeitung durchaus und wöchentlich mehrmals über Vereinssitzungen informieren - wenn es sich um Vereine mit primär deutschen Mitgliedern handelt; andernfalls erfahre ich nichts. Wieder erhebt sich die Frage: Wird hier bewusst diskriminiert?

4. What's news?

"Ausländerfeindlichkeit" ist ein gängiger Begriff, und er ist falsch. Der erste Begriffsteil "Ausländer" übersieht nicht nur, dass mehrheitliche Einstellungen nicht alle Ausländer in gleicher Weise betreffen, er verdeckt auch, dass die gemeinten negativen Gefühle oder Vorstellungen sich nicht ins Positive wandeln, wenn der Angehörige einer bestimmten nationalen Gruppe die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt. Aber auch der zweite Begriffsteil, die "Feindlichkeit", verharmlost das Problem, über das wir sprechen. Es gibt durchaus große Gruppen in diesem Lande, welche intensive, negative Gefühle gegenüber Fremden oder bestimmten Gruppen von Fremden empfinden und sich ihnen gegenüber bewusst feindlich verhalten. Aber mit diesen Gruppen, ihren Gefühlen und ihrem Verhalten erfassen wir nur einen Teil der Diskriminierung von Fremden. Wir erfassen nicht die Diskriminierung, die strukturell angelegt ist. Dies gilt insbesondere für das Medienschaffen; es gilt übrigens auch für das Handeln im deutschen Bildungssystem. Ich möchte drei Mechanismen benennen, welche mitbestimmen, was als der Berichterstattung würdig angesehen und aus welchem Blickwinkel dargestellt wird:

1. Die in der Medienproduktion direkt Tätigen, diejenigen, welche Beiträge verfassen und auswählen, sind Menschen mit einer eigenen Erfahrung und einem bestimmten Selbstbild. Beides, Erfahrung und Selbstbild, fließen ein in die Vorstellung davon, was richtig und was falsch, was wichtig und was unwichtig, was normal und was nicht normal ist. Damit ist für die Perspektive, unter der Medieninhalte produziert werden, bedeutsam, dass bis heute unter den Medienmachern wenig Menschen sind, die zu den Einwanderungsminderheiten gehören. Somit werden deren Anliegen weniger wahrgenommen, oder sie werden aus der Außensicht derer wahrgenommen, welche nicht zu den Eingewanderten zählen, wohl aber das berechtigte Gefühl haben, zu der Bevölkerungsmehrheit zu gehören. Das Gleiche gilt für die Personenkreise, welche den institutionellen Rahmen für die Medienproduktion abgeben. So sollen in den Rundfunkräten die gesellschaftlich relevanten Gruppen vertreten sein. Ich habe mir die Mitgliederliste des Rundfunkrates für den Bayerischen Rundfunk angeschaut. Da finde ich Vertreter der Katholischen und der Evangelischen Kirche, auch der Israelitischen Kultusgemeinden, aber keinen der Moscheevereine. Und die vielfältigen Einwandererorganisationen sind nur durch eine Person vertreten, welche die Verbände der Heimatvertriebenen repräsentiert.

2. Ein Auswahlkriterium dafür, was berichtenswert ist, heißt "Relevanz". Wo es um Auflagezahlen und Einschaltquoten geht, meint dieses Wort das vermutete Interesse von Lesern oder Zuschauern. Da aber gerade bei der Leserschaft der Druckmedien die Zahl der Einheimischen diejenige der Eingewanderten bei weitem übertrifft, bedeutet das professionelle Relevanzkriterium: Ein Ereignis, an dem ethnische Deutsche beteiligt sind, überschreitet leicht die Schwelle dessen, was Nachrichtenwert hat; geht es um Minderheitenangehörige wie die Eingewanderten, muss es schon sehr auffällig sein, um diese Schwelle zu überschreiten - wobei "auffällig" wieder bedeutet: auffällig in den Augen der Mehrheit.

3. Diskriminierend wirkt auch ein weiteres professionelles Kriterium dafür, was Nachrichtenwert besitzt: Aktualität, Neuigkeit. Dieses Kriterium erklärt das Übergewicht der Berichterstattung über punktuelle Ereignisse gegenüber der Darstellung der Zusammenhänge. Es erklärt aber auch das Übergewicht der Darstellung des Normabweichenden, des Sensationellen und des Negativen. Von daher lässt sich die Häufigkeit der Themenkombination "Fremde" und "Gewalt" in zweifacher Weise erklären: Diejenigen, die nicht Mitglied der Mehrheit sind, kommen dann ins Blickfeld der Medien, wenn sie auffällig sind, Normen der Mehrheit verletzen. Etwas anders formuliert: Fremder sein ist an sich etwas nicht Normales, ebenso wie es die Übertretung von Gesetzen ist; beides besitzt wie jede Normabweichung den Charakter des Sensationellen; dieser Effekt aber wird verstärkt in der Kombination: der Fremde als Gewalttäter oder als Opfer von Gewalt.

5. Mir san mir

Machen wir eine Zwischenbilanz. Unser Thema ist die Diskriminierung von Personen aus Einwanderungsminderheiten, das heißt Unterschiede in der Darstellung zu deren Ungunsten. Zwei Formen der Diskriminierung haben wir bisher erwähnt und zu erklären versucht: die Ausblendung aus der Berichterstattung und die Kombination der Darstellung von Fremden mit Themen der Normabweichung. Kommen wir zu Diskriminierungen, welche sich aus den Stilmitteln der Darstellung ergeben. Welche Wörter sind äußerst unauffällig, d. h. wirken selbstverständlich, und transportieren doch eine klare Trennung, schließen ein und aus? Es sind die Wörter "wir" und "unser" und dazu korrespondierend "sie" und "ihr". Dieses "wir" geht über den Kreis der Rezipienten des spezifischen Mediums hinaus, meint also nicht nur die Mehrheit der Leser einer Zeitung; es ist eindeutig ein "nationales" Wir und, da die Grenze nicht entlang der Staatsbürgerschaft, sondern entlang der Herkunft und Kulturzugehörigkeit gezogen wird, ein "ethnisches" Wir. Häufig kommt diese Trennung naturwüchsig-harmlos daher, steht nicht in einem feindlichen, sondern in einem freundlich-solidarischen Kontext und trägt doch die Trennung in sich: "Wir" sollten uns mehr um die Belange "unserer" ausländischen Mitbürger kümmern, und "sie" nicht mit "ihren" Belangen allein lassen. Deutlicher wird die Diskriminierung, wenn die Unterscheidung wir/Sie mit einer polaren Wertung der beiden Seiten versehen ist, z. B. in folgender Überschrift: "Schluss mit der Einwanderer-Flut - Ausländer nutzen unser Mitleid aus.", "unser Mitleid". Im Juli diesen Jahres hat der sogenannte zweite Integrationsgipfel in Berlin stattgefunden. Große Verbände türkischstämmiger Einwanderer drohten, nicht teilzunehmen, wenn nicht auch über die Verschärfung der Zuwanderungsregelungen für bestimmte nationale Gruppen, vor allem auch für Menschen aus der Türkei, geredet werden könnte; sie blieben dem Treffen dann ja auch fern. Die Taz formulierte korrekt, d. h. Fakten-nah: "Die großen Verbände türkischstämmiger Einwanderer erwägen, aus dem Treffen auszusteigen." Der Focus dagegen machte aus dem Vorgang eine nationale Konfrontation. Das Magazin titelte: "Türken drohen mit Boykott". Für unseren Zusammenhang, die Wirkung der Positionsbestimmer "Wir" und "Sie" ist eine Formulierung interessant, die uns die Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" beschert hat. Dort kam eine Expertin zu Wort, welche die Verbände, die am Gipfel nicht teilnahmen, in Bezug auf ihre politische Arbeit insgesamt kritisierte und dann den Boykott folgendermaßen charakterisierte: "Sie benutzen unsere Demokratie". Dieser Satz enthält offensichtlich nicht nur eine Polarisierung zwischen "sie" und "uns", er charakterisiert auch die beiden Seiten: Wir sind die Demokraten, die anderen sind keine. Und er schließt tendenziell die Gegenseite aus der demokratischen Willensbildung gänzlich aus: Die Demokratie gehört "uns"; die anderen benutzen, sprich: missbrauchen sie nur. Übrigens muss ich den Namen der Expertin nachtragen: Es ist die Soziologin Necla Kelek, die hier ideologisch und sprachlich auf einem dünnen Seil tanzt. Für Redaktionen, insbesondere im Fernsehen, ist sie authentisch, weil sie quasi aus der Innensicht der Gegenseite berichtet. Gleichzeitig macht sie in ihrer Wortwahl immer deutlich, dass sie glaubhaft ist, weil sie zu "uns" gehört.

Eine kurze Zwischenbemerkung: Ich habe gerade die Berichterstattung im Zusammenhang mit dem zweiten Integrationsgipfel systematisch analysiert. Dabei bin ich, teilweise im gleichen Presseorgan, auf zwei sehr unterschiedliche Formen der Darstellung gestoßen. So gab es auch neutrale, nicht diskriminierende Berichte, in denen Akteure der beiden Seiten in der Auseinandersetzung korrekt benannt, ihre Aussagen zitiert und auch gewürdigt wurden. Es gibt also - neben der polarisierenden, die Perspektive der Einwanderer negierenden oder ablehnenden eine Berichterstattung, die Eingewanderte als selbstverständliche Mitglieder dieser Republik behandelt. Ich sage dies, weil ich in meinem Bemühen, Sie für Diskriminierungen zu sensibilisieren, die mehrheitliche, in der ethnistisch-nationalistischen Tradition stehenden Darstellungsformen in den Mittelpunkt meines Referates stelle und damit stärker auf die Schatten als auf die Lichtflecke des Gesamtbildes eingehe.

Kommen wir zu den Beobachtungen zurück, die wir mit der Suche nach den Wörtchen "wir" und "die", "unsere" und "ihre" begonnen haben. Wie erklären sich diese Grenzziehungen und Polarisierungen? Sozialpsychologische Identitäts- und Gruppentheorien knapp zusammenfassend, lässt sich sagen:

Das Individuum fühlt seine Identität und konstruiert sein Selbstbild nicht unwesentlich über die Erfahrungen mit und die Vorstellungen von Gruppen, denen es zugehört. Da es Anerkennung braucht, sucht es sich Gruppen, die in hoher Anerkennung stehen, bzw. stattet die Gruppe, der es naturwüchsig angehört, als Mann oder Frau, Bayer oder Sachse, in seiner Vorstellung mit anerkennenswerten Eigenschaften aus. D. h. das Individuum bemüht sich, das positive Bild der Gruppe, das auf ihn oder sie ausstrahlt, hochzuhalten und zu verbreiten. Gruppenbildungen sind mit Grenzziehungen verbunden, wobei es durchaus Unterschiede gibt, wie zwanghaft oder nicht, wie tief oder flach die Gräben ausgehoben werden, welche meine Gruppe von denen trennt, die nicht dazu gehören. Und es gibt ebenso Unterschiede, wie zwanghaft oder nicht ich mir mein Selbstbild und das Bild meiner Gruppe aufpoliere, indem ich das Bild der Nicht-Dazugehörenden einschwärze. Ich kann die "Anderen" als "Fremde" oder als gefährliche "Feinde" konstruieren. In beiden Fällen stelle ich sie mir als Einheit vor, und im Blick auf sie erscheint auch die eigene Gruppe sehr viel einheitlicher, als sie tatsächlich ist und im Innenverkehr auch von mir erlebt wird.

Medien spielen in diesem Prozess der Anerkennung und Anerkennungsverweigerung, der Selbst- und Fremdbildkonstruktion eine wichtige Rolle. Sie gehen ein auf das Bedürfnis des Individuums und der gesellschaftlichen Gruppen, ihren eigenen Wert bestätigt zu sehen, ebenso wie ihre Selbst- und Fremdbilder. Sie liefern Bausteine für den Aufbau und die Vervollständigung dieser Bilder, sie verstärken und akzentuieren sie. Seit etwa zweihundert Jahren bildet - intensiv unterstützt durch die wachsende Bedeutung von Massenmedien - die Zugehörigkeit zu einer Nation einen wichtigen Bestandteil kollektiver und damit auch individueller Identität. Gerade in deutscher Tradition verbindet sich dabei das Bild der Nation mit der Vorstellung ethnischer und kultureller Einheitlichkeit und besitzt harte Ränder, welche die inneren oder äußeren Fremden ausgrenzen. Wenn wir in der Medienberichterstattung also eine Diskriminierung von Einwanderungsgruppen feststellen, so steht sie in dieser Tradition eines ethnischen Nationalismus. Sie spricht den Leser oder die Zuschauerin als Deutsche an, wählt aus, was für Deutsche relevant erscheint, aus der Perspektive eines (angeblich) deutschen Interesses, blickt auf Eingewanderte von außen oder oben herab. Zur Erinnerung: das geschieht nicht überall und nicht notwendigerweise so; und wo es geschieht, ist dieser Vorgang in den meisten Fällen nicht intentional und nicht bewusst. Er ist das Ergebnis einer Verbindung des identitären Bauchgefühls mit den professionellen Standards der Medienproduktion.

6. Welche Schelle hängen wir dem Fremden um?

Ihnen mag aufgefallen sein, dass meine Bezeichnung der Personen aus Einwanderungsminderheiten in diesem Referat nicht einheitlich ist. Je nach aufgezeigter diskriminierender Grenzziehung benutzte ich im Vorangehenden unterschiedliche Begriffe: Erfolgte die Grenzziehung entlang der Staatsbürgerschaft, sprach ich von "Ausländern"; erfolgte sie entlang ethnischer und kultureller Zugehörigkeiten, sprach ich von "Nicht-Deutschen" bzw. genauer, aber auch umständlicher von "Nicht-ethnisch-Deutschen". Als generellen Begriff benutzte ich einen, der sich im politischen und Mediendiskurs in Deutschland bisher nicht durchgesetzt hat; "Eingewanderte". Freilich ist auch dieser Begriff, ebenso wie das Fremdwort "Migrantinnen und Migranten" offensichtlich ungenau, um die Gesamtheit der gemeinten Bevölkerungsgruppe zu erfassen: Warum soll ich denn jemand als "Einwanderer" oder "Migrant" bezeichnen, der ebenso wie sein Vater in München oder Köln geboren ist, nur weil sein Großvater aus einem anderen Land stammt? Analog französischer Begriffsbildung hat sich in politischen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen daher die Bezeichnung "Personen mit Migrationshintergrund" durchgesetzt - ebenso korrekt wie umständlich. Mein Ausweg aus der Begriffs-Sackgasse sind Formulierungen im Stil von: "Personen aus Einwanderungsminderheiten".

Sicher ist, dass auch die öffentliche Bezeichnung das Bild prägt, welche sich die Bevölkerungsmehrheit von der Minderheit macht. Dabei dürfte die Wirkung dann am stärksten sein, wenn ein Begriff neu eingeführt und mit spezifischen charakterisierenden Aussagen verknüpft ist. Der Begriff "Asylant" war ein solcher Begriff, da er parallel zum Aufruf, gegen die "Asylantenflut" zu kämpfen, seinen Weg in die Medien gefunden hat. Im Laufe der Zeit verlieren die Begriffe dann ihre emotionale Kraft und spezifische Wirkung. So kann ein Kirchenvertreter guten Gewissens zum Mitgefühl mit "Asylanten", ein Gewerkschafter zur Solidarität mit "Ausländern" aufrufen. Gleichwohl, gewissermaßen latent, aber transportieren alle diese Begriffe spezifische Grenzziehungen zwischen "uns" und "denen".

Ich möchte daher im Folgenden kurz die Begriffe aufzeigen, mit denen Arbeitsmigranten, Flüchtlinge und ihre Angehörigen in den letzten fünfzig Jahren in den Medien bezeichnet worden sind. In den ersten Jahrzehnten dominierte in den Medien der Begriff "Ausländer" - und im Alltagsgespräch dominiert er bis heute. Im Vergleich zu anderen Einwanderungsländern herrscht in Deutschland damit ein Begriff der juristischen Ausgrenzung: Ausländer ist der Nicht-Staatsbürger; der Eingewanderte und seine Nachkommen erhalten dieselbe Bezeichnung wie eine Person, die irgendwo in einem anderen Land, also im Ausland wohnt. Die Heimat eines Ausländers ist nicht hier, sondern draußen. Im alltäglichen Sprachgebrauch, aber nur teilweise in den Medien, verliert der Begriff freilich seine juristische Definition: Einerseits sind für gewöhnlich nicht alle Ausländer gemeint, wenn von "Ausländern" die Rede ist, also nicht der Künstler, sondern der Arbeiter, nicht der Mensch aus den USA, sondern der aus der Türkei. Andererseits ist in der Alltagssprache auch der Spätaussiedler Ausländer, ebenso wie der Arbeitsmigrant, der sich hat einbürgern lassen. Hier ist die Wortwahl der Medien zumeist genauer. Allerdings überwiegt auch in ihnen - wie wir oben gesehen haben - weiterhin die Tendenz, Menschen nach der Staatsbürgerschaft (ihrer eigenen oder der ihres Vaters oder Großvaters) zu benennen: In Kreuzberg wohnen "die Türken". Allmählich erst setzen sich hier Verbindungen mit "stämmig" und "Abstammung" durch: "türkischstämmige Jugend", "ein Deutscher marokkanischer Abstammung".

Die als angenehmer und korrekter empfundene Bezeichnung für Arbeitsmigranten war bis in die jüngste Vergangenheit "Gastarbeiter". Dieser Begriff hatte zwei Vorzüge. Zum einen kappte er die Verbindung zu der nationalsozialistischen Vergangenheit, als angeworbene Arbeitskräfte "Fremdarbeiter" hießen. Zum anderen empfahl oder suggerierte er einen Status des Willkommenseins für diese Fremden. Vor allem aber transportierte er die Gewissheit, dass es sich eben nicht um Fremde handelte, die blieben: Ein Gast verlässt das Haus wieder nach einer angemessenen Zeit. Ärgerlich wurde die Bezeichnung "Gastarbeiter" deshalb, als die Arbeitsmigranten sich in der Bundesrepublik niederließen; absurd wurde sie, als auch noch die Kinder oder Enkelkinder der Angeworbenen damit belegt wurden. Schon in den frühen 70er Jahren setzte sich, als Ergebnis eines Rundfunkwettbewerbs, daher für diese Bevölkerungsgruppe in offiziellen Verlautbarungen und teilweise auch in der alltäglichen Medienberichterstattung die realitätsadäquatere Bezeichnung "ausländische Arbeitnehmer" durch. Allerdings erfasst diese sozial differenzierende Bezeichnung heute nur noch einen Teil der aus der Arbeitsanwerbung hervorgegangenen Bevölkerungsgruppen.

Schauen wir die gängigen Begriffe für diejenigen an, die vor Not, Krieg und Verfolgung nach Deutschland geflohen sind. Die Gesetze, auch das Grundgesetz, kennt für diese Menschen die Bezeichnung "Flüchtlinge". Diese Bezeichnung erinnert an das Schicksal dieser Menschen. Sie verbindet sich mit einer moralischen Tradition, die Flüchtlingen eine hilfreiche Aufnahme verspricht; sie unterscheidet auch nicht zwischen Deutschen und Ausländern: In den späten 40er und in den 50er Jahren sind Millionen deutscher Flüchtlinge in die Bundesrepublik gekommen. Freilich war die Aufnahme ausländischer Flüchtlinge von Anfang an umstritten. Und als die Himmelsrichtung, aus der sie kamen, sich veränderte, d. h. als eine wachsende Zahl von Menschen aus den sog. Entwicklungsländern in die Bundesrepublik flohen, als insgesamt die Zahl derer zunahm, die hier um Asyl nachsuchte, waren es gerade die Medien, die von gefährlicher Überflutung und Missbrauch eines Rechtes sprachen. Insofern hatte der in den späten 70er Jahren auftauchende Begriff "Asylant" eine eindeutig negative Konnotation, weil er im Zusammenhang mit einer Berichterstattung stand, die nicht auf das Flüchtlingsschicksal der Menschen, sondern auf ihr unerwünschtes Eindringen nach Deutschland abhob. Dabei war die Negativität des Begriffes noch steigerbar: in den Bezeichnungen "Scheinasylanten" und "Wirtschaftsasylanten". Interessant ist, dass in den frühen 80er Jahren die unterschiedliche Einstellung gegenüber politischen Flüchtlingen, je nachdem, ob sie aus dem Osten oder Süden des Globus kamen, durch eine Begriffsunterscheidung in der Presse verdeutlicht wurde. Da waren einerseits die "Ostflüchtlinge", die aus dem Reich des Bösen flüchteten, und andererseits die aus dem Süden kommenden "Asylanten", welche in Wahrheit "Scheinasylanten" waren. (An dieser Stelle möchte ich kurz die Frage verlassen, welches Bild von Eingewanderten die Medien verbreiten, und zu der Frage kommen, ob Medien mit dem von ihnen entworfenen Bild einen Einfluss auf Einstellungen und Verhalten haben. Wissenschaftliche Untersuchungen haben plausibel gemacht, dass zwischen der Mediendarstellung des "Asylantenproblems" und rechtsextremen Gewalttaten in den späten 80er und frühen 90er Jahren ein Zusammenhang bestand.)

7. Erklärungs-Passepartouts

Berichterstattungen über Eingewanderte ergänzen sich zu Gesamtbildern. Dies ist dadurch möglich, weil Einzelereignisse immer wieder in identische erklärende Rahmen eingefügt sind - oder vom Leser in Zusammenhang gebracht werden können mit Hintergrunddarstellungen, in denen explizit ein Erklärungsrahmen angeboten wird. Bei der Produktion solcher Erklärungsrahmen gibt es eine Zusammenarbeit von Vertretern der Politik und Medienmachern, die sich unterschiedlich gestaltet. Nehmen wir ein Beispiel: "Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland".: In diesem Fall transportieren Medien die Aussage von Politikern. Zweites Beispiel: "Asylanten missbrauchen unser Recht". Hier ist der Anteil der Medien an der Produktion des Rahmens sehr viel größer: durch die hervorgehobene Darstellung von Einzelfällen, die sich zu dem generalisierenden Vorwurf ergänzen, aber auch durch den Gebrauch einer Vielzahl von Bildern - Sprachbildern, Fotos, Fotomontagen - welche eine Schablone der Wirklichkeit ergeben.

Der bereits erwähnte Satz: "Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland" ist von Vertretern der Politik bis in die 90er Jahre hinein propagiert und durch Medien verbreitet worden. Gedacht war der Satz als Abwehr aller Forderungen, auf das Faktum der Einwanderung in einer Art und Weise zu reagieren, wie es sich für ein Einwanderungsland gehört. Tatsächlich bestand seit den 60er Jahren ein Widerspruch zwischen der Behauptung ("kein Einwanderungsland") und einer Realität, die von den Bürgern und Mediennutzern tagtäglich erlebbar war. Wie war dieser Widerspruch zu verarbeiten? Engagierte Demokraten nahmen ihn als Anlass zu Protest und politischen Forderungen; weitere Bürger und Bürgerinnen mögen ihnen zugestimmt haben. Andere haben - typisch für die Verarbeitung dessen, was Wissenschaft als "kognitive Dissonanz" bezeichnet - anders reagiert: Sie blieben unbeeindruckt von dem Widerspruch, konfrontierten die politische Vorgabe nicht mit der eigenen Erfahrung und ersparten sich so die Irritation. Betrachten wir aber die repräsentativen Befragungen deutscher Bürger und Bürgerinnen zur sog. Ausländerpräsenz, so ist für die Mehrheit der Bevölkerung eine ganz andere Wirkung des politisch vorgegebenen Rahmens plausibel: Ja, die Wirklichkeit sieht ganz danach aus, als ob "wir" ein Einwanderungsland wären, aber diese Einwanderung ist nicht legitim, sie ist nicht gewollt. Unser Gefühl und unsere Einstellung sind politisch korrekt: Die Personen, denen wir täglich begegnen, sind keine legitimen Mitglieder unserer Republik, sie sind und bleiben Ausländer - und gehören daher auch wieder ins Ausland.

Zu jedem Rahmen gibt es auch Gegenrahmen. Sie werden häufig nur von einer Minderheit vertreten und treten oft defensiv auf. Der Gegenrahmen zu "Wir sind kein Einwanderungsland" ist, wie bereits gesagt, der Hinweis auf die Fakten: Wir sind ein Einwanderungsland; was auch bedeutet: Die Eingewanderten werden hier bleiben; politisches Handeln und das Handeln jeden einzelnen gesellschaftlichen Individuums haben sich darauf einzustellen. Dieser Rahmen hat, zögerlich und reichlich spät, inzwischen Eingang in den öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik, den politischen wie den medialen, gewonnen.

Es gab schon seit Beginn der Anwerbung einen Erklärungsrahmen, der nicht im Widerspruch zu dem Rahmen "Wir sind kein Einwanderungsland" stand, wohl aber dessen Wirkung aufheben sollte, die Präsenz von Ausländern als illegitim zu sehen. Diesen Erklärungsrahmen stellten Regierungspolitiker oder Vertreter von Industrie und Handwerk, von Kirchen und Gewerkschaften immer wieder in den Vordergrund, wenn Rufe nach dem Hinauswurf der Eingewanderten allzu laut wurden. Er lautet: "Die Präsenz der Ausländer nützt unserem Land." Damit ist die Präsenz der Eingewanderten legitim. Sie werden allerdings als Menschen entwertet, sie werden Gegenstand eines Kalküls. Nutzen muss berechnet, immer wieder nachgewiesen werden. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären. In den 70er und 80er Jahren gab es viele, oft von Kirchen oder Gewerkschaften initiierte "Kampagnen gegen Ausländerfeindlichkeit". Diese publizierten Argumentationshilfen, die zumeist nach dem Muster aufgebaut waren: "Die Ausländerfeinde sagen... Das ist falsch; richtig ist vielmehr..." Lassen Sie mich zu dem Argument kommen, das in unserem Zusammenhang bezeichnend ist: "Ausländerfeinde behaupten, Ausländer nähmen uns die Arbeitsplätze weg. Faktisch arbeiten Ausländer als Un- und Angelernte in den Bereichen, in denen deutsche Arbeitnehmer nicht mehr arbeiten wollen." Was ist von einem solchen Argument zu halten? Sollen die "Ausländer" in diesen Bereichen bleiben? Ferner lädt das Nutzen-Kalkül dazu ein, Unterschiede zwischen den Eingewanderten zu machen. Dann heißt der Satz, dessen Autor ich nicht benennen muss: "Wir (nationales Wir!) brauchen die, die uns nützen, und nicht die, die uns ausnützen". Die Unterscheidungslinie trennt dann Arbeitsmigranten von Flüchtlingen oder, in der aktuellen Debatte, nicht-qualifizierte von hoch qualifizierten Arbeitsmigranten. Im Zusammenhang mit dem Zuwanderungsgesetz hat das Nutzen-Argument die politische Debatte und damit auch die Medienberichterstattung über Einwanderung bestimmt. Heute heißen die Sätze, die auf der Ebene des Nutzens argumentieren, oft so ähnlich wie: "Die falschen Menschen kommen zu uns."

Das heißt, das Nutzen-Argument provoziert die Feststellung, bestimmte Menschen "nutzten" nicht, sondern verursachten nur Kosten. Damit gibt es eine kategoriale Verbindung zu einem Rahmen, der oberflächlich betrachtet, wie ein Gegenrahmen daherkommt: "Die Ausländer schaden uns." Dieses Argumentationsmuster - die Präsenz von Zugewanderten schadeten der Bundesrepublik Deutschland - verbindet sich seit dem Zweiten Golfkrieg, d. h. seit 1990/91, mit der Vorstellung eines globalen Kampfes der Kulturen: Die Präsenz der größten Einwanderungsgruppe, nämlich der Menschen aus der Türkei, aber auch derer aus Nordafrika, stellten eine Gefahr für die Sicherheit dar. Das Besondere dieser Grundierung der Darstellung von Zugewanderten und der Debatten über neue Zuwanderung besteht in einer totalen Polarisierung zwischen "den Fremden" als potentiellen Tätern und "uns" als deren potentiellen Opfern, wobei diese Grenzziehung die Bundesrepublik übergreift, den gesamten Globus betrifft. Zuwanderungsgruppen werden in solcher Rahmung Feinde, die "uns" nicht nur von außen bedrohen, sondern bereits innerhalb der Mauern unserer schwachen Festung der Zivilisation stehen.

Selbstverständlich gibt es zum Argumentationsrahmen "Schaden" und "Schadensabwehr" auch den Gegenrahmen: "Menschlichkeit" und "Gerechtigkeit". Auch dieser Gegenrahmen wird häufig defensiv eingesetzt, hat den Charakter einer Gegendarstellung gegen ein Bild, das verbreitet, aber falsch ist: Die Zugewanderten sind nicht Schädlinge und Menschen, die unsere guten Eigenschaften und unsere guten Gesetze ausnutzen, es sind Einwohner dieser Republik mit den gleichen Rechtsansprüchen wie die Einheimischen. Die Flüchtlinge bilden keine gefährlichen Gruppen, die wir abzuwehren haben, in erster Linie sind es Menschen mit einem schweren Schicksal, die unser Mitgefühl und unsere Mithilfe verdienen.
Gleichzeitig mit dem Thema "Nutzen oder Schaden" bildet seit den Debatten über das Zuwanderungsgesetz das Thema "Integration" wieder den argumentativen Rahmen für Reportagen und Berichte, vor allem für sogenannte Hintergrundberichte. Vielfach ist darauf hingewiesen worden, dass diese Argumentation implizit oder explizit Integration als Bringschuld der Zugewanderten darstellt und dass sie nicht zwischen Assimilation und Integration unterscheidet. Außerdem ist für die deutsche politische Debatte und auch für die Mediendarstellung typisch: In einer Großzahl entsprechender Texte oder Sendungen geht es nicht um Integration, sondern um Nicht-Integration. Seit zum ersten Mal ein politisches Manifest auf Bundesebene eine Integrationspolitik für Einwanderungsgruppen forderte, also seit dem sog. Kühn-Memorandum im Jahre 1979, beherrscht ein Thema die Debatten: dass nämlich große Gruppen von Zugewanderten sich nicht integrieren, nicht integrieren wollen und - aufgrund ihrer angeblichen kulturellen Geprägtheit - auch gar nicht integrieren können. Es taucht ebenso zyklisch in den Medien wieder. Erinnert sei an Titelgeschichten im SPIEGEL, die seit 1981 mit Bild- und Fotomontagen und mit einer Mischung aus Einzelbeobachtungen und Generalisierungen betonen: Die Integration bzw. die Multikulturelle Gesellschaft sind gescheitert. Das bedeutet: Das Integrationsthema, das Thema von der Eingliederung der Eingewanderten in die deutsche Gesellschaft, wird zumeist in einer Weise intoniert, welche das Gegenteil bewirkt, die Trennung zwischen Einheimischen und Eingewanderten. Ersteren wird signalisiert, dass die Fremden nicht dazu gehören wollen und können, dass sie eine Gefahr darstellen; Letzteren wird bedeutet, dass ihre faktischen Integrationsanstrengungen nicht gesehen werden; sie sehen sich zur Zielscheibe einer Gegenaggression gemacht.

8. Einschwärzung zur Reinwaschung

In aktuellen Berichterstattungen verbindet sich das Integrationsthema fast regelmäßig mit dem Thema der Geschlechtergerechtigkeit. Lassen Sie mich als Beispiel auf den Artikel der Focus-Redaktion zum zweiten Integrationsgipfel zurückkommen. Überschrift war, Sie erinnern sich: "Integrationsgipfel - Türken drohen mit Boykott". Der Artikel beginnt mit der Meldung, dass Verbände türkischstämmiger Einwanderer an dem Treffen nicht teilnehmen wollen. Doch gleich nach den ersten zwei Absätzen findet sich die Zwischenüberschrift "Gleichberechtigung der Frau als Prüfstein". In den Zeilen darunter wird die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung mit der Aussage zitiert, "Integration heiße auch, dass man die Werte und Regeln eines Landes, in das man komme, akzeptiere. Ein entscheidender Prüfstein dafür sei die Gleichberechtigung der Frau." Argumentationen müssen nicht nachlesbar im Text stehen oder wörtlich von einer Moderatorin gesprochen werden. Häufig ergeben sie sich in dem Nebeneinander von zwei Aussagen. Damit meine ich, dass die nebeneinandergestellten Aussagen logisch nur mit bestimmten, nicht explizit genannten Argumenten verknüpft werden können; dass diese Argumente aber gar nicht genannt werden, muss bedeuten, dass sie als selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass die Autoren davon ausgehen, dass die Leser oder Zuschauer diese Argumente mit ihnen teilen. Aussage 1: Türken kommen nicht zur Integrationsdebatte. Aussage 2: Gleichberechtigung der Frau ist ein Prüfstein für Integration. Die ausgelassenen Verbindungsglieder können nur lauten: Bei der Integration von Eingewanderten geht es zentral um Werte. Eingewanderte haben die Werte der Aufnahmegesellschaft zu übernehmen. Türken kennen die Gleichberechtigung der Frau nicht und stemmen sich deshalb gegen die geforderte Integration. Für uns Deutsche aber ist Geschlechtergleichheit ein Kernbestand unserer Werte.

Auf diese letzte implizite Aussage des Textes kommt es mir an dieser Stelle an: Die Schilderung der fremden Kultur als defizitär, unzivil, mittelalterlich enthält als unausgesprochenes Gegenstück: das Bild der eigenen Kultur als vollkommen, zivil, modern. Zufällig habe ich am selben Tag die zitierte Focus-Meldung und in meiner Tageszeitung die Meldung gelesen: "Frauen verdienen 22 Prozent weniger". Im Kontext der Darstellung kultureller Differenz, im Aufzeigen der weiten Wege, welche Türken noch gehen müssen, wenn sie in unserer Gesellschaft wirklich ankommen wollen - in diesem Kontext hat die Tatsache, dass auch in Deutschland Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht durchgesetzt ist, keinen Platz. In der Gegenüberstellung "die" und "wir" ist der Schatten des Unvollkommenen allein auf der anderen, der fremden Seite, bei uns ist nur Licht. Möglich wäre ja, die Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit zur gemeinsamen Aufgabe zu erklären, die Einheimische und Eingewanderte verbindet. Allzu viele Artikel und Sendungen der letzten zwei oder drei Jahre tun freilich so, als ob "wir" mit der Arbeit schon fertig wären und als ob bei "denen", den "Türken" oder "Muslimen" Hopfen und Malz verloren wäre. Ein jüngst erschienenes Buch fasst diese stereotype Form der Darstellung kultureller Differenz in dem schönen Titel: "Eva ist emanzipiert - Mehmet ist ein Macho."

9. Bilderfluten - Flutenbilder

Diskriminierung, Unterscheidung zum Nachteil der Fremden, muss, das haben einige meiner Beispiele gezeigt, nicht krass, wörtlich, eindeutig ausgesprochen werden. Sie verbirgt sich in Auslassungen, in der Lücke zwischen zwei nebeneinandergestellten Aussagen. Sie verbirgt sich ebenso in Metaphern. Wenn Sie in der Zeitung nach einem Übermaß an sprachlichen Bildern suchen, so schlagen Sie die Wirtschaftsseiten auf - oder eben die Berichterstattung über Eingewanderte. Gerade Artikel über die Gefährlichkeit und unüberbrückbare Fremdheit der Eingewanderten transportieren ihre Aussage wesentlich über Bilder aus der Natur, genauer: den Naturgewalten, aber auch aus dem Militär. Diese Bilder - die tickende Bombe und die Springflut - müssen sich nicht logisch zusammenfügen, aber sie ergänzen sich in ihrem Gesamteindruck - dem der Gefährlichkeit und Fremdheit dieser Menschen. Sie ergänzen sich in der Wirkung, zwischen "denen" und "uns" zu polarisieren. Und sie ergänzen sich in ihren impliziten Handlungsaufforderungen: gegen die Fluten Dämme zu bauen und tickende Zeitbomben zu entschärfen bzw. rechtzeitig in das Land zurück zu schaffen, wo sie herkamen.

Eindringlicher als Texte wirken Bilder in Printmedien, die als Aufmacher eingesetzt sind. Bekannt und berüchtigt sind die Titelbilder des SPIEGEL. Bei diesen ist ein doppeltes Vorgehen zu beobachten; ich sage "Vorgehen", setze in diesem Falle also eine entsprechende Intention voraus, weil Titelbilder kommunikativ und von Argumentationen begleitet produziert werden. DER SPIEGEL wählt entweder ein Bild aus, das absolute Fremdheit suggeriert und negative Gefühle wie Angst oder Abscheu anspricht, und stellt es als repräsentativ für eine große Gruppe dar, z. B. für alle Frauen in türkischstämmigen Einwanderungsgesellschaften. Oder das Magazin wählt ein Foto, das die Aggressivität der Fremden bebildert oder kombiniert in einer Collage entsprechende Fotos zu einem Gesamtbild der Bedrohung.

10. Wie hätten wir's denn gerne?

Wer so viel kritisiert, muss sich am Schluss fragen lassen, was er als Verbesserungsvorschläge parat hat. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich mehrmals den Begriff "Diskriminierung" ergänzt habe durch den Zusatz "zum Nachteil der Eingewanderten". Denn "Diskriminierung" allein bedeutet zunächst nur: Trennung, Unterscheidung. Sollen etwa die Medien überhaupt keine Unterscheidung machen zwischen Einheimischen und Eingewanderten? Eine solche Forderung wäre absurd. Es ist z. B. sinnvoll auf das spezifische Leiden von politischen Flüchtlingen hinzuweisen. Es ist sinnvoll auf die doppelsprachliche Kompetenz von Kindern aus Einwanderungsfamilien hinzuweisen, aber ebenso auf ihre Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem usw. usf. Bei allen Darstellungen von Individuen und Gruppen mit Migrationshintergrund sind jedoch zwei Prinzipien zu beachten:

1. Sie sollen nicht als gleich, aber als gleichwertig und gleichberechtigt dargestellt werden.

2. Die Darstellung muss sich der nationalistisch-rassistischen Traditionen bewusst sein, in der Minderheiten und Zuwanderer negativ gezeichnet werden, und in der Themenwahl und Themendarstellung alles tun, diese Traditionen nicht zu bedienen. Das bedeutet u.a., generalisierende Charakterisierungen zu vermeiden und Tatverdächtige nicht mit einem nationalen Etikett zuversehen.

3. Hinzu kommen müssen institutionelle Vorkehrungen, die schon oft gefordert worden sind, in Ansätzen auch bereits existieren. Einige Beispiele: Eine integrationsfördernde Medienpädagogik, die Anwerbung, Ausbildung und Unterstützung von Medienschaffenden mit Migrationshintergrund, die Präsenz von Vertretern der Einwandererorganisationen in Aufsichtsgremien, Redaktionsstatute, welche Antidiskriminierung thematisieren.



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