Prof. Dr. Klaus F. Geiger


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Das Kopftuch



Das Kopftuch - weg damit (mit dem Thema)!


I.

Ich erinnere mich. Es war 1981 in Berlin, die Arbeitsgruppe befasste sich mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit. Plötzlich benutzte jemand die Vokabel Rassismus. Nicht, dass den anwesenden engagierten jungen Pädagogen dieses Wort unbekannt gewesen wäre. Aber das stand doch für den Rauch über Auschwitz oder für die brennenden Kreuze des Ku Klux Klan oder die Polizeigewalt des Apartheidsregimes in Südafrika? Verharmloste man nicht diese Verbrechen, wenn man dieselbe Vokabel für unerfreuliche Stammtischäußerungen in der demokratischen Bundesrepublik gebrauchte? Und verdarb man sich nicht jede Chance, diesen Stammtisch aufzuklären, wenn man gleich mit solchen Begriffsgeschützen auffuhr? (Die Moralkeule kannten wir noch nicht, die wurde später erfunden.) Und plötzlich verwies jemand auf das Kopftuch – und die Situation war gerettet, das kurze Unbehagen wich einer eifrigen Debatte, an der sich alle beteiligten. Es ging weiterhin um Demokratie, um Aufklärung, um Menschenrechte, vor allem um die Rechte der Ausländer (die damals auch bei den Wohlmeinenden noch so hießen) und darunter insbesondere um die der Frauen. Aber der besorgte Blick hatte die Richtung gewechselt.

Danach folgten weitere Tagungen und Fortbildungen und Seminare, und die Themen wechselten, auch die Begriffe, auch die Begriffstabus. Es ging jetzt um Einwanderer (und hauptsächlich um Einwanderinnen) und um die multikulturelle Gesellschaft, und man durfte jetzt auch Rassismus sagen. Aber immer wehte das Kopftuch durch diese Debatten. Es war zum konditionnierten Reflex geworden. Zwar gab es immer Debatten dafür und dagegen, es gab nicht nur eine Meinung, keineswegs. Aber immer war eine Entlastung spürbar. Es ging nicht mehr um unsere Köpfe und deren verborgene Inhalte, es ging um die Köpfe der anderen (vor allem „ihrer Frauen“) und deren sichtbare, symbolträchtige Bedeckung.

II.

Noch eine Erinnerung an die frühen achtziger Jahre. (Als ob das ubiquitäre Kopftuch ein neues Thema wäre, dieser Stoff, der zum Splitter des Anstoßes wurde und alle Balken im eigenen Auge verbarg, wenn Sie mir folgen können.) Damals gab es eine Debatte in einem deutschen Landesparlament, Gegenstand war ein Gesetzentwurf: kommunales Wahlrecht für Ausländer. Und selbstverständlich ging es in dieser wie in den meisten Debatten um die echten Ausländer, also die ganz Fremden, also die Türken. Interessanterweise behandelte der Sprecher der christlichen Partei den Gesetzesvorschlag durchaus wohlwollend, er musste ihn allerdings als verfrüht zurückweisen: „Wenn die Türken endlich aufhören würden, ihre Frauen zu unterdrücken, könnten wir durchaus darüber beraten, ihnen das Wahlrecht zu gewähren.“ (Als Beweisstück für die Unterdrückung diente – Sie haben es geahnt – das Kopftuch.) Kennen Sie die Diskursanalytiker, diese Wortklauber unter den Soziologen? Sie würden über jedes Wort dieser Formulierung herfallen, vor allem aber über das „Wir“, das hier Anderen Rechte gewährt. Meint es: ich und die anderen meiner christlichen Partei, wir aufgeklärten Demokraten, wir unermüdlichen Kämpfer für die Rechte der Frau (zunächst der eigenen, aber die Aufgabe ist ja glücklich erledigt, jetzt auch der fremden)?

III

1996 hat die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland Empfehlungen beschlossen (und das tut sie immer einstimmig): Empfehlungen zum Interkulturellen Lernen in deutschen Schulen. Leider ist das in vielen Fällen ein Lippenbekenntnis geblieben, ein kostenloses Lippenbekenntnis. Es fristet sein Dasein in den Präambeln von Lehrplänen. Aber glücklicherweise nicht nur: Viele Lehrerinnen und Lehrer, gerade in Grundschulen, schaffen phantasievoll Bedingungen für interkulturelles Lernen, verbreiten Wissen von jenseits des deutsch-traditionellen Tellerrands, kräftigen und mehren Fähigkeiten wie Empathie, Toleranz, Willen und Fähigkeit zur Kooperation zwischen Menschen, die sich nicht gleichen wie ein Ei dem anderen. Aber wer verkörpert für die Kinder diese Werte und Fähigkeiten, wer steht für sie als Vorbild? Frau Schmitz? Oder vielleicht Frau Schmitz und Frau Arslan, die sich in nichts von Frau Schmitz unterscheidet? Oder?

IV

Das erinnert mich an die Diskussion über den Neubau einer Moschee in der Stadt, wo ich wohne. Die Gemeinde in dem Stadtteil, in dem viele Menschen aus der türkischen Einwanderungsgruppe leben, trifft sich bisher in einer Baracke. Seit Jahren wünscht sie sich eine Moschee, deren Äußeres präsentabel ist und deren Inneres genügend Platz bietet für Gebetsraum und Sozialräume. Sie sollte eingebunden sein in ein Ensemble, zu dem auch Arztpraxen und Geschäfte gehören. Als Angebot an die nicht-muslimische Bevölkerung gedacht: Ein großer Veranstaltungsraum sollte auch den christlichen Gemeinden des Stadtteils offen stehen und als Begegnungsstätte genutzt werden. Aufruhr im Stadtteil, rassistische Flugblätter, Unterschriftenlisten einer Bürgerinitiative gegen den Moscheebau, die Fraktion einer christlichen Partei nimmt sich der Sorgen der Bürger und Bürgerinnen an (Kommunalwahlen stehen bevor). Der Baudezernent der Stadt lädt zu einer Bürgerversammlung ein. Stundenlang wird über die Gefahren diskutiert, die der Neubau für die Verkehrssicherheit bedeuten würde: Er würde wie ein Magnet Hunderte von Muslimen anziehen. Die Kinder, die in die nahe gelegene Schule gehen, würden noch größere Schwierigkeiten haben als schon bisher, die Straße zu überqueren. Außerdem sei die Zahl der im Bauplan vorgesehenen Parkplätze viel zu gering, eine Erhöhung sei wegen der engen Bauverhältnisse vor Ort auch nicht möglich. Eine Frage allein wich von diesem Thema ab: Wie hoch das Minarett würde? Die Antwort „einen Meter weniger als die benachbarte evangelische Kirche“ scheint die Anwesenden zu beruhigen.

Seitdem aber gehen die Aktivitäten gegen den Moscheebau weiter, die Stadt verzögert die Baugenehmigung, verlangt Kompromissbereitschaft bei der muslimischen Gemeinde. Jetzt steht das geplante Minarett im Mittelpunkt der Bedenken: Es passe nicht ins Stadtbild. Vorschlag der Wohlmeinenden: Moschee ja, aber ohne Minarett. Heißt das nicht: wir akzeptieren euch, aber ihr dürft nicht auffallen, ihr dürft nicht als Fremde sichtbar sein? Zwar garantiert das Grundgesetz die freie Religionsausübung (und damit auch den Sakralbau) aller Religionsgemeinschaften, aber die nicht-christlichen sollen dieses Recht nicht „missbrauchen“ – wir gewähren es ihnen nur zur unauffälligen Benutzung. Denn Grundgesetz hin oder her, vor dem Recht steht der Nachweis der Integration, sprich der Anpassung, der Assimilation.

V

Historiker mögen mich korrigieren: Gab es nicht im 19. Jahrhundert in deutschen Landen bereits diese Diskussion: Gewährung voller Rechte an eine Minderheit nur bei deren Assimilation? „Judenemanzipation“ hieß das Thema, und „Assimilation“ war damals ein Begriff, vor dessen Gebrauch die Politiker nicht zurückschreckten, der aber auch der Mehrheit der „Deutschen jüdischen Glaubens“ als akzeptierter Zielbegriff diente. Sie passten sich an, auch im Baustil ihrer Synagogen übrigens. Ich gehöre nicht zu denen, welche Slogans der Art „Türken – die Juden von heute“ begrüßen. Aber könnte nicht aus der Geschichte der vergangenen Konflikte etwas gelernt werden? Z.B. Folgendes: Die fast ein Jahrhundert währende Debatte darüber, dass Juden sich erst zu verändern, ihre Fremdheit aufzugeben hätten, bevor sie als deutsche Bürger akzeptabel wären, hat den Antisemitismus nicht verhindert, sondern befördert.

VI

Stichwort Grundgesetz. Die Entscheidung der Weimarer Verfassung, übernommen ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, zum Verhältnis von Staat und Religion besagt im Kern: Es gibt keine Staatskirche (mehr). Der Staat gewährt die Gewissens- und Religionsfreiheit; d.h. auch: er verteidigt sie, wo sie verletzt wird. Das schließt die sogenannte negative Religionsfreiheit ein: der Bürger und die Bürgerin dürfen nicht gezwungen werden, etwas Bestimmtes zu glauben oder überhaupt sich zu einer Religion zu bekennen. Gleichzeitig unterstützt aber der deutsche Staat die Religionsgemeinschaften – etwa, indem er sie an der Gestaltung des im Grundgesetz als Grundrecht festgeschriebenen Religionsunterrichts beteiligt oder indem er, so es sich um Körperschaften des öffentlichen Rechts handelt, zu ihren Gunsten Steuern eintreibt. Lesehilfe: An diesen Stellen des Grundgesetzes ist von Religionsgemeinschaften bzw. –gesellschaften die Rede, nicht (allein) von Kirchen. Und im Gegensatz zu denjenigen, die diese verfassungsmäßige Regelung kritisieren und eine totale Trennung von Religion und Staat befürworten, sage ich persönlich dazu: Gott sei Dank für jede Institution, die Fragen nach dem Sinn des Lebens und den Werten einer solidarischen Lebensgestaltung tradiert und so am Leben erhält. In einem Meer von Geschwätz, das alle Fragen, Gefühle, Forderungen erstickt, die sich nicht dem betriebswirtschaftlichen Kalkül unterordnen lassen, angesichts einer hegemonialen Politik des (angeblichen) Sachzwangs, welche der Demokratie die Wertegrundlage entzieht, also den Teppich, auf dem sie steht.

Übrigens wird Gott ja in der Präambel des Grundgesetzes angerufen („Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ hat sich das deutsche Volk diese Verfassung gegeben). Und jüngst hat in der Kopftuch-Debatte auch ein Redner darauf hingewiesen. Das geschah freilich mit der Absicht nachzuweisen, die Bestimmungen des Grundgesetzes – einschließlich der Ziele der staatlichen Schule – seien im Christentum verankert. Vielleicht hilft dem Mann – neben den obigen Ausführungen zur Gleichberechtigung der Religionsgemeinschaften – ein Griff zum deutsch-arabischen Wörterbuch. Das übersetzt „Gott“ mit „Allah“.

VII

Zugestanden, alles zugestanden, sagen Sie. Aber darum gehe es ja überhaupt nicht. Natürlich dürfe Frau L. ihren Glauben ausüben, sie dürfe auch ihr Kopftuch tragen, wo und wie sie wolle. Aber das Problem sei doch, dass sie ausgerechnet Lehrerin werden wolle, in einer staatlichen Schule. Also sei sie Repräsentantin des Staates, also greife die Neutralitätspflicht; sie dürfe nichts tun, was die negative Religionsfreiheit ihrer Schüler und Schülerinnen und deren Eltern verletze. Aber, so entgegne ich: Diese Neutralitätspflicht kann doch nur darin bestehen, dass Frau L. in ihrem Unterricht nicht missioniert, dass sie nicht ihren Glauben und ihre Auslegung ihres Glaubens propagiert und fehlenden Glauben, fremden Glauben, andere Auslegungen ihres Glaubens bei Schülerinnen und Schülern kritisiert. Es kann nicht bedeuten, dass sie als Person ihre Gläubigkeit und ihren Glauben unsichtbar macht, quasi um diesen Teil ihrer Identität reduziert vor die Klasse tritt. Wenn der Staat die Öffentlichkeit und Sichtbarkeit von Religion und Religiosität unterstützt, müsste das nicht in seiner Vertreterin, Lehrerin L., sichtbar werden dürfen? (Übrigens, einmal spekuliert, Frau L. legte ihr Kopftuch ab, um doch noch an einer staatlichen Schule unterrichten zu dürfen. Würden Sie ihr dann eher trauen, mehr Verfassungstreue zutrauen? Erschiene sie Ihnen weniger gefährlich, da sie ihre Identität weniger offen und mit gebremster Widerstandskraft verteidigt?)

VIII

Es scheint also nötig, die Abwehrlinie, die Linie zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen, zwischen uns und den gefährlichen Anderen, neu zu definieren. Schließlich könnte die Argumentation gegen traditionelle muslimische Religiosität angesichts der Verfassungslage zu Generalisierungen führen, d.h. zum Ausschluss aller, auch der christlichen, Symbole aus dem Schulleben. Die neue Argumentation lautet: Bekanntlich (!) ist beim Islam eine Trennung von Religion und Politik nicht möglich. Wir verbieten das Kopftuch nicht als Symbol einer bestimmten Religion, sondern als Symbol einer bestimmten Politik. Und da konstatieren wir einen doppelten Unterschied: Das Kopftuch hat eine politische Bedeutung, das Kreuz nicht. Und zweitens steht das Kopftuch für die Unterdrückung der Frau (was den Werten unseres Grundgesetzes widerspricht), das Kreuz aber nicht.

Welchen Unterricht haben diejenigen genossen, die so etwas behaupten können? Selbstverständlich ist auch das Kreuz als politisches Symbol eingesetzt worden, selbstverständlich ist in seinem Namen auch die Unterdrückung von Rassen, Völkern und eben auch die Unterdrückung von Frauen gerechtfertigt worden. Aussagen der heiligen Bücher und religiöse Symbole können eben für unterschiedliche Ziele gebraucht und missbraucht werden, für menschenfeindliche und menschenfreundliche, für friedliche und kriegerische. Wissen Sie das nicht? (Nachsitzen! Betrachten Sie das Bild in Ihrem Geschichtsbuch: Priester weihen die Kanonen.)

IX

Erlauben Sie mir einen Vorschlag, ein Koalitionsangebot an die Vertreter und Vertreterinnen der schwarzen Pädagogik in den Kultusministerien (es muss sie doch irgendwo noch geben): Stellt sie doch ein, die Frau L., in den Schuldienst, und wartet auf ihren ersten Fehler...

X

Bleiben wir doch einmal bei der Vorstellung, Frau L. unterrichte, sei Teil des Kollegiums einer Schule. Würde sie dann die gesamte Wirkung des Unterrichts aller anderen Lehrkräfte auf die von ihr mit unterrichteten Kinder und Jugendlichen aufheben? Impliziert nicht die aktuelle Debatte eine Misstrauenserklärung an die heute unterrichtenden Lehrer und Lehrerinnen, von denen ein beträchtlicher Teil unter dem liberalisierenden und demokratisierenden Geist der 60er und 70er Jahre ihre Ausbildung genossen und ihren Beruf ergriffen hat? Eine einzige kopftuchtragende Muslimin soll alle Fortschritte zunichte machen können, die dem Wirken dieser anderen Lehrer und Lehrerinnen zu verdanken ist, dieser anderen, die sich voll für ihre „ausländischen Schüler“ einsetzen? Und da Sie dauernd nur von den „türkischen Mädchen“ reden, deren Wohl Ihnen so angelegen ist: Frau L. soll mit ihrem, nein: durch ihr Kopftuch größeren Einfluss auf diese Mädchen ausüben als die bereits unterrichtende vorbildliche Frau Schmitz und als Frau Arslan (die seit Jahrzehnten ohne Kopftuch Muttersprachenunterricht gibt und darauf hinweist, dass richtigerweise in ihrem Heimatland Türkei Kopftuchtragen für Lehrerinnen verboten ist)?

XI

Damit sind wir beim zweiten Misstrauensvotum angelangt, das im Aufruf zum Kopftuchverbot in Schulkollegien verborgen ist: dem Misstrauensvotum gegenüber Schülerinnen, deren Eltern oder Großeltern aus einem muslimischen Land eingewandert sind. Übersehen Sie nicht die Eigen-Willigkeit dieser Mädchen? Eine Eigenwilligkeit, die sich z. B. darin ausdrückt, dass nicht wenige gegen den Willen der Eltern oder anderer erwachsener Verwandter ohne Kopftuch in die Schule gehen oder dass sie im Gegenteil gegen deren Rat beschließen, Kopftuch zu tragen, oder dass sie mit Kopftuch aus dem Haus gehen und ohne Kopftuch im Klassenzimmer auftauchen. Manche Kopftuchträgerinnen trotzen sehr bewusst den Anmutungen von Lehrerinnen und Mitschülerinnen. Ist nicht zu erwarten, dass andere ebenso bewusst ihr Haar offen tragen werden, auch vor einer kopftuchtragenden Lehrerin (erst recht, wenn diese ihre eigene Entscheidung, das Kopftuch zu tragen, nicht zum allgemeinen Grundgesetz weiblicher Moral erhebt).

XII

Nochmals: Frau L. als Lehrerin. Sie hat studiert, um Lehrerin zu werden. Hatte sie dafür ein Vorbild? Vielleicht in dem (muslimischen) Land, in dem sie geboren wurde, und vielleicht auch in dem Land, in dem sie Asyl erhalten hat und dessen Staatsbürgerschaft sie angenommen hat. Da sie Kopftuch trägt, soll sie nicht zum Referendariat zugelassen werden. Sie geht vor Gericht; das entscheidet, der Staat habe sie zuzulassen, da er in diesem Bereich das Ausbildungsmonopol besitze und Frau L. das Recht habe, nach dem Staatsexamen auch den zweiten Teil ihrer Berufsausbildung zu absolvieren. Frau L. unterrichtet und schafft das zweite Staatsexamen. Doch das Bundesland Baden-Württemberg will sie als Kopftuchträgerin nicht als Lehrerin einstellen. Sie geht wieder vor Gericht, von einer Instanz zur nächsten, bis vor das Bundesverfassungsgericht. Das entscheidet, ihrer Zurückweisung vom Staatsdienst habe die Gesetzesgrundlage gefehlt. Rasch bastelt die Landesregierung an einem Gesetz, welches das Kopftuch im Schuldienst verbietet, nicht aber das Kreuz. Machen wir einen Sprung: Stellen wir uns Frau L. als Lehrerin vor, sie, die so viel Entschluss- und Widerstandskraft gezeigt hat. Wofür steht sie mit ihrer Haltung? Für die Unterdrückung der Frau, für ihre Unsichtbarkeit in der Öffentlichkeit?

XIII

Was macht den Gegenstand zum Symbol? Wir machen den Gegensand zum Symbol. Wir wissen (auch wenn du es leugnest), das Kopftuch ist ein Symbol. D.h. es steht für etwas Anderes, für etwas ganz Anderes. Und wir wissen auch wofür es steht (auch wenn du es nicht wahr haben willst). Doch: ist ein Symbol nicht ein Knoten in einem Netz von Bedeutungen, ist es nicht Träger und getragen von unzähligen Handlungen? Stellen wir uns vor, dass wir bei den observierten Muslimen Unterdrückung beobachten – dann sind wir bestätigt, denn genau dafür, so haben wir ja gesagt, steht das Kopftuch. Nehmen wir aber an: Wir sehen nichts dergleichen? Macht nichts, wir wissen dennoch Bescheid. Heißt das nicht, dass wir an Magie glauben? Der Gegenstand allein schon bewirkt etwas (er ist Fetisch, nicht nur Symbol)? In Bezug auf uns, die aufgeklärten Demokratisierer unserer Brüder und Schwestern, jedenfalls stimmt es: das Kopftuch übt eine magische Anziehungs- und Abstoßungskraft auf uns aus.

XIV

Der koloniale Blick sagt: Diese Dinge sind alle das Gleiche, ob Burka, Tschador oder Kopftuch. Und sie stehen alle für das Gleiche, nämlich Gewalt, und die reicht von der Unterdrückung von Mädchen bis zu den Terroranschlägen auf Wolkenkratzer. Selbstverständlich könnte man die Trägerinnen des inkriminierten Symbols danach fragen, was sie selbst damit verbinden, welche Bedeutung, welche Funktion es für sie hat. Was ja auch getan worden ist. Aber können wir ihren Antworten trauen? Was, wenn sie auf dem Marsch durch die westlich-demokratischen Länder und ihre Institutionen sind, um diese schrittweise der Scharia zu unterwerfen – werden sie das etwa zugeben? Werden sie das nicht gegenüber dem Außenstehenden zu verbergen versuchen, dem ungläubigen Westler sagen, das Kopftuch sei ganz harmlos? Werden sie nicht auf diesem Wege das Wohlwollen, die Gutgläubigkeit der Demokraten ausnutzen – bis zu dem Zeitpunkt, wo sie die Demokratie abzuschaffen die Macht haben werden?

Da schütteln die Aufgeklärten unter den Kopftuchgegnern ihre Köpfe: Das klinge ja nach Verschwörungstheorie; als ob es so einfach wäre. Nein, so sagen sie, das Problem sei viel komplizierter. Diese Frauen heucheln nicht, wenn sie leugnen, dass ihr Kopftuch für Frauenunterdrückung und Gewalt steht. Sie wissen es nur eben selbst nicht besser. Sie leben in einem Verblendungszusammenhang, der ihnen die Sicht auf die Wahrheit und damit auch auf ihre eigene Situation und ihre eigenen Interessen verwehrt. Wir aber, die aufgeklärten Aufklärer, haben uns frei gemacht von Verblendungen. Und wir sehen klarer als diese armen Frauen – ihre Situation, ihre Interessen, die Funktion ihres Kopftuchs.

XV

Frau Özcan sagt, ohne Kopftuch fühle sie sich in der Öffentlichkeit nackt? Ist das nicht lächerlich? Ich phantasiere: In Naturanien will eine junge Frau, Einwanderin der zweiten Generation, nennen wir sie Petra, als Erzieherin eingestellt werden. Bereits während ihrer Ausbildungszeit gab es Schwierigkeiten mit ihr, weil sie krampfhaft ihre Brüste bedeckt hielt. Bekanntlich ist aber gerade für kleine Kinder wichtig, dass sie ein natürliches Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln. Die Vorbilder der Erwachsenen helfen ihnen dabei. Wird ihre Entwicklung nicht in traumatischer Weise gestört, wenn eine Vorbildperson, nämlich eine Erzieherin, ihre sekundären Geschlechtsmerkmale bedeckt? Die psychologischen Eignungstests bei der Kandidatin P. ergeben wider Erwarten das Bild einer ausgeglichenen Persönlichkeit und fähigen Erzieherin. Der psychologische Berater der Trägerinstitution der Kindergärten empfiehlt in Abwägung der Rechte der Kinder und ihrer Eltern einerseits, der zur Erzieherin ausgebildeten jungen Frau andererseits deren Einstellung. Dennoch stellt der Träger sie nicht ein: In ihrer Rechtfertigung, weshalb sie in der Öffentlichkeit ihre Brüste bedecke, hat P. nämlich auf ihren christlichen Glauben verwiesen. Auch theologische Sachverständige, die nach Studium der christlichen Schriften zweifelsfrei nachwiesen, die Bedeckung der Brüste sei dort nicht zwingend gefordert, konnten sie von ihrem fundamentalisitischen Standpunkt nicht abbringen. Damit war bewiesen, dass es sich bei dem Brusttuch von P. um ein Symbol handelte, das sie demonstrativ und missionarisch einsetzte – zum Schaden der Kinder, gegen die Grundwerte der naturanischen Verfassung. Denn offensichtlich widersprach ihr Verhalten dem Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter und dem Ziel der menschlichen Freiheit.

XVI

Eine
Debatte deckt das Gespräch über die Dummheit in kopftuchbedeckten Köpfen sicher zu: die Debatte über die Dummheit in unbedeckten Köpfen.

XVII
Ich
bin zu einem Vortrag eingeladen: Was stört die Deutschen am Kopftuch? Ich beginne damit – ich kann nicht anders -, an der Generalisierung „die Deutschen“ herumzunörgeln, ich weise darauf hin, dass der Vortragstitel verbirgt, dass es auch muslimische Deutsche gibt, Deutsch-Sein und Muslim-Sein sich also nicht ausschließen. Doch dann sage ich: Diskutieren wir doch darüber, warum sie sich davon stören lassen. Diskutieren wir doch lieber darüber, warum sie (gleiche Generalisierung!) so dankbar sind, dass es das Kopftuch gibt. Vielleicht weil sie ein sichtbares Zeichen brauchen, dass „die“, die Fremden, sich nicht integrieren wollen, nicht integrieren können und nicht integriert haben? Vielleicht weil das eine Debatte darüber erübrigt, was „wir“ denn eigentlich wollen, was „wir“ denn anzubieten haben in Form einer Integrationspolitik, was „wir“ denen bieten, die sich integriert haben? Meine Hoffnung: dass „wir“, „die Deutschen“, das Kopftuch bald nicht mehr brauchen.

XVIII

Denn: mehr noch als die Trägerin macht unser Blick das Kopftuch sichtbar.

XIX

Symbol und Verbot, Verbot und Symbol. Wer ist die Mutter, wer ist die Tochter? Der Verbietende jedenfalls hat sich immer als ein guter Vater erwiesen: er nährt und stärkt das Symbol.

XX

Die (meine/ deine/ diese) Frau trägt (k)ein Kopftuch. Was beschließt den Satz: ein Punkt oder ein Ausrufezeichen? Ein Fragezeichen, bitte ein Frage-Zeichen.


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