Prof. Dr. Klaus F. Geiger


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Abfahrt Istanbul-Ankunft Kassel



Abfahrt Istanbul - Ankunft Kassel


Heute leben in Kassel über 8000 Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft. Schätzen wir die Zahl derer, die aus der Türkei stammen und sich einbürgern lassen haben, und die Zahl der Kinder, die in Deutschland seit dem Jahr 2000 auch die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen, und addieren sie, so kommen wir auf ein Zahl um 15000: Über 15000 Menschen in unserer Stadt sind aus der Türkei zugewandert oder Kinder und Enkel von aus der Türkei Zugewanderten. Zu einem kleineren Teil handelt es sich dabei um Personen, die aus politischen Gründen in den 70er und 80er Jahren als Flüchtlinge hierher gekommen sind. Zum größeren Teil sind es Menschen, die auf Grund des Anwerbevertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Türkei zwischen 1961 und 1973 als Arbeiter und Arbeiterinnen gekommen sind oder die Kinder und Enkel dieser sogenannten Arbeitsmigranten. In meinem kurzen Vortrag werde ich die Geschichte der Anwerbung aus der Türkei skizzieren. Wie diese Geschichte erlebt und gestaltet wurde, werden uns im zweiten, spannenderen Teil des Abends dann Männer und Frauen erzählen, die in diesem Zeitraum nach Deutschland gekommen sind oder als deutsche Kollegen damals mit ihnen zusammenarbeiteten.
Am 30. Oktober diesen Jahres jährte sich dieses Anwerbeabkommen Deutschland-Türkei zum 50. Mal. Es war keineswegs das einzige oder erste dieser Abkommen. Insgesamt warb Deutschland in 8 Ländern am Mittelmeer Arbeiter und Arbeiterinnen an. Vor der Türkei waren dies Italien, Spanien und Griechenland. Als der erste Vertrag mit Italien geschlossen wurde, war dies sehr umstritten. Denn es gab damals, im Jahr 1955, noch mehr als 5% Arbeitslose. Aber in einigen Branchen war absehbar, dass bald kaum noch Arbeitssuchende zur Verfügung stehen würden. Zwar waren Millionen deutscher Flüchtlinge und Vertriebener in die Bundesrepublik gekommen. Aber der wirtschaftliche Boom in den 50er und 60er Jahren schuf immer mehr Arbeitsplätze. Hinzu kamen die Verkürzung der Arbeitszeit und der Aufbau der Bundeswehr. Bald würden Männer fehlen - die Ausweitung der Berufstätigkeit von Frauen war damals familienpolitisch unerwünscht. Daher also der Beschluss der Bundesregierung, Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben. Die Gewerkschaften witterten nicht ohne Grund, dass die dadurch geschaffene zusätzliche Zahl an Arbeitern ihre Kampfkraft in Tarifauseinandersetzungen einschränken würde; das Schlgwort hies: Reservearmee. In Verhandlungen mit der Regierung setzten die Gewerkschaften schließlich durch, dass auch für die im Ausland Angeworbenen die Tarifbestimmungen und die Sozialversicherung gelten sollten - wichtige Grundsätze, die freilich dann in der Wirklichkeit vielfach unterlaufen wurden. Die Anwerbung dauerte von 1955 bis zum Jahr 1973. Und sie war in dieser Zeit nicht Gegenstand einer Einwanderungs- oder Integrationspolitik. Die Bundesrepublik betrieb allein Arbeitsmarktpolitik.
Oft wird die Anwerbung von auländischen Männern und Frauen so beschrieben, als ob dabei allein die Interessen der Bundesrepublik eine Rolle gespielt hätten. Gerade im Falle der Türkei ist deutlich, dass das Anwerbeland mindest ebenso stark daran interessiert war, dass ein Vertrag mit Deutschland zustande kam; genauer: die Initiative hierzu ging von der Türkei aus, zunächst von der Regierung Menderes und nach dem Militärputsch 1961 auch von der neuen Militärregierung. Deren neue Verfassung sah neben weiteren Grundrechten auch das Recht auf freie Ausreise vor. Zwei Gründe nannten die Politiker in der Türkei, weshalb Bürger und Bürgerinnen ihres Landes nach Deutschland gehen sollten. Da war erstens die Hoffnung, dass diese einen großen Teil ihres Lohnes ins Heimatland transferieren und so Devisen ins Land kommen würden. Tatsächlich hat sich diese Hoffnung erfüllt. Die Angeworbenen lebten in Deutschland so bescheiden, wie sie nur konnten, und schickten den Großteil ihres Lohnes an die in der Türkei zurückgebliebene Familie. Zweitens hofften die türkischen Politiker, Deutschland könne sozusagen wie ein Durchlauferhitzer für die Industrialisierung des Landes wirken; d.h. die Ausgereisten würden wichtige Kenntnisse in Industrie und Handwerk erwerben, die sie dann nach der Rückkehr in die Heimat dort anwenden könnten. Diese Hoffnung allerdings ist weitgehend unerfüllt geblieben, nicht zuletzt, weil die Angeworbenen in Deutschland an unterster Stelle in der Arbeitshierarchie als Un- und Angelernte eingesetzt wurden und auch von beruflicher Weiterbildung in Deutschland ausgeschlossen blieben. Nicht so laut wurde ein dritter Grund betont, weshalb türkische Politiker - übrigens ebenso wie die Politiker der übrigen Anwerbeländer - sich für den Export der Arbeitskräfte stark machten: Im Land herrschten große soziale und politische Spannungen. Die Ausreise von jüngeren Menschen, in erster Linie Männern, würde Druck aus dieser sozialen Lage nehmen.
1961 ist aber nicht nur das Jahr eines Militärputsches in der Türkei. Es ist auch das Jahr des Mauerbaus in Berlin. Damit versiegte der Zustrom von Flüchtlingen aus der DDR; dies und der fortdauernde Boom brachte die Zahl der Arbeitssuchenden in der Bundesrepublik auf ein Minimum - und verstärkte die Bereitschaft, auch mit der Türkei ein Anwerbeabkommen zu schließen. Dabei hatten die Bundesbehörden eigentlich nur mit europäischen Ländern solche Abkommen schließen wollen, wozu die Türkei ja nur teilweise zählte. Aber die NATO-Mitgliedschaft der Türkei (und möglicherweise auch das Drängen der USA) ließen Bedenken gegen den Vertragspartner Türkei schwinden.
Allerdings kam es nur zu einem Vertrag zweiter Klasse im Vergleich zu den bestehenden Verträgen mit anderen Ländern. So wurde die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis auf maximal zwei Jahre beschränkt. Mit "seuchenhygienischen" Bedenken wurde eine gründlichere medizinische Untersuchung der Anzuwerbenden als im Falle anderer Länder begründet. Die Möglichkeit des Familiennachzuges wurde nicht erwähnt; und es gab kein Kindergeld für die Angeworbenen. Allerdings galten diese diskriminierenden Bestimmungen nur 3 Jahre. Übrigens zeigte auch die Art, wie der Vertrag abgeschlossen wurde, von dem Bestreben, öffetnliche Debatten zu vermeiden. Da gab es kein Regierungstreffen, keine feierliche Verkündigung eines Vertrages. Ein Regierungsbeamter in Bonn schickte eine sogenannte Note nach Ankara; die türkische Regierung bestätigte deren Erhalt. Ein wahrhaft unspektakulärer Beginn einer Zuwanderung, an deren Ende mit mehr als zweieinhalb Millionen Menschen eine der größten Einwanderungsminderheiten Deutschlands steht.
Die aus der Türkei angeworbenen Arbeitskräfte waren rasch hochgeschätzt. Auf Drängen der Unternehmen formulierte die Bundesregierung 1964 den Anwerbevertrag neu und zwar diesmal ohne die diskriminierenden Einschränkungen, und im gleichen Jahr stellte das Abkommen über soziale Sicherheit zwischen beiden Ländern die türkischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weitgehend ihren deutschen Kollegen und Kolleginnen gleich.
Ein immer wieder zitierter Satz des Schrifstellers Max Frisch lautet: "Es wurden Arbeitskräfte gerufen, doch es kamen Menschen." Tatsächlich krankte ja die deutsche Politik, wie ich bereits gesagt habe, daran, dass sie auschließlich Arbeitsmarktpolitik war. Wer waren die Menschen, die aus der Türkei sich anwerben ließen? Woher kamen sie? Die einen sagen, sie kamen aus den Städten - die anderen, sie kamen aus den Dörfern. Beide Seiten können ihre Behauptung durch Statistiken belegen. Die Erklärung ist einfach: Die eine Statistik fragt nach dem letzten Wohnort in der Türkei, das war in der Mehrzahl der Fälle eine Großstadt; die andere aber fragt nach dem Geburtsort, und der war in den meisten Fällen ein Dorf. Das heißt, die Auswanderung nach Deutschland - oder auch in die Niederlande oder nach Schweden oder in andere Länder - war die zweite Etappe einer längeren Wanderung von Individuen und Familien. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft setzte in der Türkei in den 50er Jahren eine große Binnenmigration ein: vom Land in die Stadt, vom Osten und der Mitte in den Westen der Türkei. Dort, in den großen Städten des Westens, vor allem in Istanbul, fanden die Menschen aber keinen Ersatz für die verlorenen Arbeitsplätze; die Industrialisierung des Landes stand ganz am Anfang. Also waren sie hoch interessiert, als sie von der Möglichkeit hörten, Arbeit in Deutschland zu finden. Die Forscher unterscheiden gerne zwischen erzwungener und freiwilliger Auswanderung. Aber diese Begriffe sind ungenau: Wenn Menschen auswandern müssen, weil sie im Heimatland keine Arbeit finden und sich und ihre Familie nicht ernähren können - ist das wirklich "freiwillige Auswanderung"? Auch eine andere Unterscheidung ist ungenau: zwischen denjenigen, die auf der Suche nach Arbeit in die Industrieländer gingen, und denjenigen, die politischen Verhältnissen entflohen. Vor allem Spanier, Portugiesen und Griechen suchten auch deshalb im Ausland Arbeit, weil sie die Dikataturen ihrer Heimatländer nicht mehr ertragen konnten. Aber auch unter den türkischen Angeworbenen gab es - vor allem in den späteren Jahren der Anwerbung -eine Minderheit, die sich aus politischen Gründen auf den Weg machten.
Was waren nun die Erwartungen der Menschen, die nach Deutschland kamen? Da es sich um junge Menschen handelte, spielte sicher auch Neugier eine Rolle, Neugier auf ein Land, das als modern, demokratisch und vor allem reich galt, ein Land auch, das als Türken-freundlich galt. Vor allem aber ging es darum, möglichst rasch Geld zu verdienen, um dann sich in der Heimat eine gesicherte Existenz aufbauen zu können, vielleicht sogar sozial aufzusteigen: Geld für einen Hausbau, für den Zukauf von Feldern, für die Einrichtung eines Ladens oder einer Werkstatt, Geld für eine Hochzeit und die Gründung einer Familie.
Wie kam man nach Deutschland? Man musste sich in Istanbul einem zweistufigen Verfahren unterwerfen. Zuerst traf der türkische Staat eine Vorauswahl unter den sich bewerbenden Männern und Frauen. Danach traf die sogenannte Deutsche Verbindungsstelle die endgültige Auswahl nach einer genauen und für die Betreffenden peinlichen gesundheitlichen Untersuchung und nach Kriterien ihrer beruflichen Fähigkeiten. Über 1.200 Menschen erhielten im ersten Jahr, 1961, die Erlaubnis, zur Arbeitsaufnahme nach Deutschland zu reisen. Danach wuchsen die Zahlen rapide an, brachen in den Jahren der ersten Rezession in der Bundesrepublik 1966/67 ein, steigerten sich dann aber sofort wieder und erreichten im letzten Anwerbejahr 1973 die Rekordmarke von über 101.000. Übrigens tauchen 30% davon auf einer speziellen Statistik auf, welche nur sogenannte "qualifizierte Arbeitskräfte" erfasste; das bedeutet, dass aus der Türkei mehr qualifizierte Arbeitskräfte kamen als aus den anderen 7 Anwerbeländern - auch dies eine heute oft vergessene Tatsache. Insgesamt hat die Deutsche Verbindungsstelle etwa 640 000 Menschen aus der Türkei auf Arbeitsplätze in Deutschland vermittelt. Tatsächlich lag die Zahl der Einreisen aus der Türkei aber höher und betrug etwa 870 000. Wie erklärt sich das? Zu einem Teil aus den Zuwanderungen auf dem sogenannten Zweiten Weg. Deutsche Firmen sandten Vertreter in die Türkei, die dort gezielt nach Arbeitskräften für ihre Betriebe suchten; oder aber Menschen aus der Türkei kamen mit einem Besuchervisum, suchten sich in Deutschland einen Arbeitsplatz und bekamen dann zusammen mit der Arbeits- die Aufenthaltserlaubnis. Man sieht, das Interesse der Arbeitgeber an ausländischen Arbeitskräften, gerade auch aus der Türkei, war so groß, dass damals die Einreisebestimmungen sehr viel lockerer gehandhabt wurden als heute.
Und wie lange blieben die Angeworbenen in Deutschland? Wie wir gesehen haben, war laut Abkommen der Aufenthalt ja zunächst auf 2 Jahre begrenzt. In dem ersten Abkommen mit Italien war sogar von 1 Jahr die Rede, eng gekoppelt an einem bestimmten Arbeitsplatz. Es herrschte das Rotationssystem: Menschen sollten angeworben und nach kurzer Zeit immer wieder durch neu Angeworbene ersetzt werden. Doch bereits 1962 protestierte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände dagegen. Das System bedeutete, dass immer wieder Menschen angelernt werden mussten und, wenn sie die erwünschten Fähigkeiten erworben hatten, mussten sie wieder das Land verlassen. Bundesarbeitsministerium und Bundesanstalt für Arbeit wandten sich daher gegen das Rotationsprinzip und setzten ihren Standpunkt durch. In der zweiten Fassung des Abkommens mit der Türkei ist daher von einer zeitlichen Begrenzung für Aufenthalt und Arbeitsaufnahme türkischer Menschen in Deutschland nicht mehr die Rede. Und 1965 formulierte das erste Ausländergesetz der Bundesrepublik die Bedingungen, unter denen ein Ausländer in der Bundesrepublik legal seinen Aufenthalt verlängern lassen konnte.
Und wie verhielten sich die Angeworbenen selbst? Wie wir wissen, wollten ja auch sie nur für kurze Zeit ihre Heimat und ihre Familien verlassen und dann mit dem verdienten Startkapital ihr Leben und das ihrer Angehörigen in der Türkei verbessern. Sie lebten daher extrem bescheiden, anfangs häufig in Baracken, dann in kleinen Wohnungen, sie sparten sich das Geld vom Munde ab und schickten das Gesparte in die Türkei. Aber die Löhne waren nicht so hoch wie erwartet, Brutto war nicht gleich Netto. Und so war rasch klar, dass in 2 Jahren die Sparziele nicht zu erreichen waren. Die Menschen ließen also den Koffer auf dem Schrank oder unterm Bett und verlängerten, so bald das möglich war, ihren Aufenthalt um ein Jahr und noch ein Jahr. Viele allerdings wagten auch die Rückkehr. Allerdings mussten sie erkennen, dass die wirtschaftliche Situation sich in ihrem Heimatland nicht verbessert hatte, auch, dass Anfang der 70er Jahre die politischen Auseinandersetzungen immer härter wurden. Einige hatten ihr Erspartes in sogenannten Arbeitnehmergesellschaften zusammengelegt, hatten dafür Maschinen gekauft und in die Türkei transportieren lassen, um dort einen eigenen Handwerksbetrieb aufzumachen. Aber all diese Betriebe gingen bankrott: Die Rückkehrer besaßen handwerkliche Fähigkeiten, aber keine kaufmännischen; es gab keinen Markt für ihre Produkte; oder, wo eine Unternehmung einmal erfolgreich war, wurde sie rasch von einem größeren Unternehmen oder einer Bank aufgekauft. Was blieb vielen der Rückkehrer also übrig? Sie wurden Rückrückkehrer; sie reihten sich nochmals ein in die wachsende Zahl der Menschen, die sich über die Deutsche Verbindungsstelle oder direkt von Firmen nach Deutschland anwerben ließen. So wurden Männer und Frauen aus der Türkei rasch zur größten Gruppe unter den ausländischen Arbeitnehmern in Deutschland.
Ich sagte soeben "Männer und Frauen". Denn - was heute oft vergessen ist - es wurden nicht nur Männer angeworben; etwa 20% der in der Türkei Angeworbenen waren Frauen. Die wurden dann zum Beispiel an Firmen im Bereich der Feinmechanik vermittelt; da in Kassel solche Arbeitsplätze weitgehend fehlten, sind damals wenige türkische Frauen als Arbeiterinnen in unsere Stadt gekommen. In der Mehrheit handelte es sich um ledige Männer oder um "lediggehende" Männer, d.h. um Männer, die Frau und Kinder in der Heimat zurückließen und nur im Urlaub zu Gesicht bekamen. Die Situation der gemeinsam in Baracken oder billigen Wohnungen lebenden jungen Männer änderte sich aber bereits in der zweiten Hälfte der 60er Jahre. Die 1964 erfolgte Neuformulierung des Anwerbeabkommens mit der Türkei erlaubte ja den Familiennachzug; das Ausländergesetz von 1965 formulierte die Bedingungen dafür. Und die immer wieder getroffene Verlängerung des Aufenthaltes machte den hier Lebenden, aber - im Falle der Verheirateten - auch dem zurückgelassenen Ehepartner und den Kindern die Einschränkungen ihrer Lebensqualität immer deutlicher. Verheiratete holten also Ehepartnerin oder Ehepartner nach, manchmal auch die Kinder - die allerdings in vielen Fällen zunächst bei Großeltern oder Tanten und Onkeln in der Türkei blieben; schließlich sahen ja ihre Eltern den Aufenthalt in Deutschland weiterhin als Provisorium, würden sie also rasch zu ihren Kindern zurückkehren. Andere der Angeworbenen, die ledig gekommen waren, heirateten und gründeten in Deutschland eine Familie. D.h. zu einem Zeitpunkt, als es in Deutschland immer noch nur eine Arbeitsmarkt- und keine Einwanderungspolitik gab, als noch nicht einmal der Satz "Deutschland ist kein Einwanderungsland" gebetsmühlenhaft wiederholt wurde, weil alle Politiker davon ausgingen, dass der Aufenthalt dieser Fremdenselbstverständlich nur vorübergehend sein würde, zu einem Zeitpunkt, als diese "Gastarbeiter" selbst der gleichen Meinung waren, sie verschoben ja die Rückreise nur notgedrungen um ein, zwei weitere Jahre - zu diesem Zeitpunkt hatte die Niederlassung der zur Arbeit aus der Türkei Angeworbenen bereits begonnen, bildete Deutschland faktisch bereits ihren Lebensmittelpunkt.
Und gerade der Anwerbestopp im Dezember 1973führte dazu, dass für die meisten von ihnen aus der vorübergehenden Zuwanderung eine Einwanderung geworden ist. Diesen Anwerbestopp verfügte die Bundesregierung im Dezember jenen Jahres. Die erste Ölpreiskrise hatte das wirtschaftliche Wachstum empfindlich gedämpft. Und gleichzeitig war der Staat nicht mehr bereit, es den Unternehmen zu überlassen, wie viele Arbeitskräfte sie ins Land holen wollten. Denn aufgrund des Niederlassungsprozesses waren die sogenannten Gastarbeiter nicht mehr die Goldesel, die Steuern und Sozialabgaben zahlten, aber vom deutschen Staat nichts zurück verlangten. Jetzt, wo sie länger blieben und Familien gründeten, wollten sie Wohnungen, ihre Kinder brauchten Plätze in Schulen usw. Versuche, die Anwerbung für die Betriebe zu verteuern, brachten keinen Erfolg. Daher also der Anwerbestopp, verbunden mit dem Versprechen ans deutsche Wahlvolk, in Zukunft werde es weniger Ausländer in der Bundesrepublik geben- ein Versprechen, das ankam, weil die Bundesbürger in der wirtschaftlichen Krisensituation um ihre Arbeitsplätze zu fürchten begannen.
Wie wir wissen, hat der Anwerbestopp aber nur geringfügig und kurzfristig die Zahl der Zugewanderten verringert. Warum? Zum einen versperrte er das Tor für eine mögliche erneute Zuwanderung, falls eine Rückkehr ins Heimatland nicht erfolgreich war. Und da in den meisten Fällen die Sparziele keineswegs erreicht und gerade auch in der Türkei die soziale und politische Lage keineswegs einladend war, entschied die Mehrheit der türkischen Arbeiter und Arbeiterinnen, in Deutschland zu bleiben - zumindest für einige weitere Jahre. Und da der Familiennachzug weiterhin möglich war, wurden Ehegattinnen und -gatten und Kinder nachgeholt, sodass die Zahl der hier lebenden Menschen aus der Türkei weiter wuchs. Auch die folgenden Versuche, staatlicherseits die Zuwanderung und Niederlassung zu bremsen, blieben erfolglos. Ich zähle im Folgenden die Wichtigsten davon aus den Jahren 1974 bis 1984 auf. So sollten zunächst nachgezogene Jugendliche nicht arbeiten dürfen. Dann wurde von der Bundesanstalt für Arbeit der Deutschenvorbehalt festgelegt: Arbeitsplätze mussten zuerst deutschen Arbeitssuchenden angeboten werden oder Bürgern der Europäischen Gemeinschaft (was italienische Arbeitssuchende gegenüber den anderen sogenannten Gastarbeitern bevorzugte, da Italien Gründungsmitglied der EG war). Kindergeld wurde nur noch für in Deutschland lebende Kinder bezahlt. Später sollte eine Rückkehrförderung die Zugewanderten zum Verlassen Deutschlands bewegen. Alles entweder weitgehnend folgenlos oder gar mit entgegengesetzter Wirkung: Die Zahl der hier lebenden Menschen aus der Türkei und ihrer Kinder nahm zu. Sie ließen sich in Deutschland nieder und sie schufen sich eine eigene Infrastruktur mit Vereinen, Moscheen, kleinen Geschäften und Handwerksbetrieben - und in der Zwischenzeit auch mit großen Firmen, die Arbeitsplätze anbieten, für Zugewanderte wie für Einheimische.
Kommen wir auf die Jahre 1961 bis 1973 zurück, auf die Jahre der Anwerbung. Und kommen wir nach Kassel. Ich möchte hierzu nur einige allgemeine Informationen geben, denn diese Zeit soll ja anschließend in den Erzählungen der Zeitzeugen lebendig werden.
Beginnen wir mit den Zahlen. Ich schaue mir die Bände der Kasseler Statistik an, beginnend mit dem Jahr 1961 - und finde nichts. Auch für das Folgejahr kann ich zwar lesen, wieviele Spanier, Italiener, Griechen, Österreicher oder US-Amerikaner in Kassel gemeldet sind, nicht aber wieviele Menschen aus der Türkei. Das erfahre ich erst in der Statistik für das Jahr 1966; vorher war ihre Zahl zu klein, um speziell aufgeführt zu werden. Für 1966 lese ich also: 655 Menschen in Kassel haben eine türkische Staatsbürgerschaft; ich erfahre aber auch, dass die Gruppe der Italiener größer ist, vor allem aber die Gruppe der Menschen aus Spanien. Dies war eine der Besonderheiten Kassels, dass hier Spanier in besonders großer Zahl beschäftigt waren und dass spanische Exilorganisationen eine deutschland- und europaweite Bedeutung hatten. Nach 1966 nehmen die Zahlen der aus der Türkei Zugezogenen kontinuierlich zu, ab 69 allerdings überholt von den Menschen aus Jugoslawien. Dann aber explodieren die Zahlen, Ab 1971 stellen türkischstämmige Menschen die größte Gruppe der sogenannten Gastarbeiter, und gerade im Jahr des Anwerbestopps kommen nochmals besonders viele Menschen aus der Türkei. Gründe dürften sein, dass Kasseler Betriebe in dieser Zeit vor allem Personen aus diesem Land anwarben, aber auch, dass in dieser Gruppe der Familiennachzug besonders stark war. So lebten zum Zeitpunkt des Anwerbestopps knapp 5400 Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit in unserer Stadt. Die Jahre 1973 und 1974 sind allerdings auch die Jahre, in denen die Polizei nach sogenannten Illegalen sucht, Menschen, die in Kassel ohne Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis lebten. In Boomzeiten waren auch sie willkommen, jetzt zu Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs wurden sie abgeschoben. Die Razzien der Polizei lösten damals in Kassel große Empörung aus.
Wie wirkte sich der Anwerbestopp auf Kassel aus? Die HNA berichtet im Jahr danach, 1974 also: "Zahl der Ausländer nahm 1974 leicht zu" und zitiert den Leiter der Ausländerbehörde folgendermaßen: "Gerade in den letzten Monaten wie 1974 überhaupt hatten wir den Eindruck, dass zahlreiche in Kassel wohnende Gastarbeiter ihre Familien nachgeholt haben. Viele kamen mit Kind und Kegel." Ebenfalls 1974 titelt die HNA: "Türken ‚auf Vormarsch'. Hier finden wir nicht nur den Hinweis, dass unter den sogenannten Gastarbeitern türkischstämmige Menschen die größte Gruppe bildeten, sondern auch, dass unter den neu nach Kassel Gekommenen viele seien, die zuerst in anderen Städten gearbeitet hätten, angesichts der damals guten Lage in Kasseler Betrieben hierher gezogen seien. Wieder wird der Leiter der Ausländerbehörde zitiert: "Kassel ist ein gewisser Anziehungspunkt".
Was ich über die Entwicklung der Zahlen für die Stadt Kasselgesagt habe, gilt auch für die in der Stadt und im Umland ansässigen Betriebe. Eine Firma wie Henschel, die viele ausländische Arbeitskräfte beschäftigte, suchte diese vor allem in Spanien; bei VW arbeiteten lange Jahre hauptsächlich Italiener, bevor auch hier Kollegen aus der Türkei eingestellt wurden. Türkische Arbeitskräfte fanden sich in den frühen Jahren eher bei AEG, aber auch auf nicht-industriellen Arbeitsplätzen, auf dem Bau zum Beispiel. Erst in den frühen 70er Jahren wurden auch in den Betrieben Menschen aus der Türkei zur größten Gruppe.
Wie lebten die Menschen aus der Türkei in unserer Stadt? Am Anfang, vor dem Familiennachzug lebten die jungen Männer häufig in Baracken - das waren teilweise Baracken, in denen im Zweiten Weltkrieg noch Zwangsarbeiter untergebracht waren, teilweise, wie am Rande der Henschel-Siedlung, neu errichtete Baracken; teilweise hatten Betriebe alte Büroräume in Gemeinschaftsunterkünfte umgewandelt. Im Jahr 1969 lebten in Kassel noch 40% der Männer und 30% der Frauen, die im Zuge der Anwerbung gekommen waren, in Betriebsunterkünften. Das ist viel; man kann die Zahlen aber auch umgekehrt lesen: 60% der Männer und 70% der Frauen hatten bereits auf dem sogenannten freien Wohnungsmarkt eine Wohnung gefunden. Jeder Nachzug eines Ehepartners setzte den Nachweis einer Wohnung voraus. Die fanden die Angeworbenen in den alten
Arbeitervierteln, aus denen die deutschen Bewohner, denen nicht zuletzt der Arbeitseinsatz der ausländischen Kollegen einen Aufstieg innerhalb der Firmen erlaubt hatte, allmählich auszogen; das sind dieselben Viertel, in denen ein Großteil der Familien heute noch lebt. In den ersten Jahren lebten die Menschen in äußerst beengten Verhältnissen - "Eltern und sechs Kinder hausen in zwei kleinen Zimmern" (HNA). Oft zahlten sie überhöhte Mieten. Die Jahre 1971 bis 1973 sind voll von Skandalen auf dem Wohnungsmarkt. 1973 berichtet die HNA von einem Spekulanten, der seine Häuser verfallen ließ, von den ausländischen Mietern aber um 100% überhöhte Mieten verlangte. 1972 wird am Struthbachweg ein "Hochhaus für Gastarbeiter gebaut". Was damals als großer Beitrag zur Integration der Angeworbenen und ihrer Familien gefeiert wurde, kommt uns heute allerdings als sehr spartanisch vor: 3-Zimmer-Wohnungen für bis zu 10 Personen; Duschräume und Badezimmer fanden sich im Untergeschoss.
Früh bildeten die Angeworbenen Vereine, in Kassel zuerst die Spanier und Italiener. Aber auch türkische Arbeiter gründeten einen Verein; Vorsitzende war eine AEG-Arbeiterin aus Istanbul. Dieser Verein beriet Landsleute - noch bevor die AWO im Auftrag der Bundesregierung mit dem Türk-Danis- Büro die Beratung der türkischen Arbeitnehmer und ihrer Familien übernimmt. Die Arbeiterwohlfahrt ist es auch, die im Jahr 1970 ein türkisches Freizeitzentrum in der Friedrich-Ebert-Str. 35 einrichtet.Die erste Moschee wird 1973 in der Jordanstraße 10 eröffnet.
1970 ist das Jahr, in dem die Stadt Kassel, d.h. Magistrat und Stadtverordnete, sich der Lage der in Kassel arbeitenden ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien, ihrer Bedürfnisse und Probleme bewusst wird. Menschen aus Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, AWO, Jugendsozialwerk und Migrantenorganisationen bilden eine Arbeitsgruppe. Die Stadtverornete Görgl von der CDU fordert einen Bericht über die Lage der sogenannten Gastarbeiter in Kassel und weist besonders auf die Lage der Familien und Kinder hin. Im gleichen Jahr wird erstmals ein "Tag des ausländischen Mitbürgers" in Kassel gefeiert. 1971 und 1972 bildet der Magistrat eine "Arbeitsgruppe für Fragen der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien". Beim Sozialdezernat entsteht eine "Koordinierungsstelle zur Betreuung der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien". Die Arbeitsgruppe erstellt eine Informationsbroschüre in 5 Sprachen. 1972 ist im Foyer des Rathauses eine Ausstellung "Gastarbeiter in der Bundesrepublik" zu sehen. Viele dieser Aktivitäten, die 1981 mit der Bildung des Ausländerbeirates einen Höhepunkt finden sollten, sind mit dem Namen des Sozialdezernenten Walter Heilwagen verknüpft. Interessant bei der heutigen Lektüre der Zeitungsberichte zu den damaligen Diskussionen in der Stadt ist, dass Kassel relativ früh auf den Niederlassungsprozess der ausländischen Arbeiterfamilien reagiert hat und dass damals schon Forderungen, z.B. nach dem kommunalen Wahlrecht für diese Personen, formuliert worden sind, die bis heute nicht voll umgesetzt worden sind. Zwar sind die meisten Teilnehmer der damaligen Diskussion noch davon überzeugt, dass sich die Angeworbenen und ihre Familien nicht auf Dauer niederlassen; aber es werden politische und soziale Bedingungen eingefordert, die sie als "Bürger auf Zeit" (HNA) am Leben der Gesellschaft teilnehmen lassen.
Nirgends finden sich in der öffentlichen Debatte der frühen 70er Jahre Klagen über die Nicht-Integrierbarkeit von "Ausländern", insbesondere aus der Türkei, und Forderungen, sie in ihre Heimat zurückzuschicken; dies sind Töne, die erst um 1980 politische und Medien-Kampagnen charakterisieren. Wie die Menschen, die aus Mittelmeerländern nach Kassel zugewandert waren, zum Ende der Anwerbezeit gesehen wurden, das möchte ich mit einem Schriftstück belegen, das ich im Stadtarchiv gefunden habe. 1973 schreibt der Leiter der Pass- und Ausländerabteilung der Stadt Kassel einen Artikel, der auf die Empörung antworten will, welche Polizeirazzien zum Aufstöbern der sogenannten Illegalen ausgelöst hatten. Sie werden feststellen, dass auch sein Artikel Stereotypen enthält; aber es sind doch ganz andere, positiver eingefärbte. als in späteren Medienberichten:






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